Studie zur TV-Berichterstattung über die Silvesternacht 2015/16 in Köln

Der Jahreswechsel 2015/16 wurde überschattet von den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln, die inzwischen zu einem Synonym für sexualisierte Gewalt geworden sind. Bis heute herrscht großes Unwissen darüber, was in jener Nacht tatsächlich geschehen ist. Eine vom Gunda Werner Institut der Heinrich Böll Stiftung herausgegebene Studie widmet sich nun den Problematiken und Leerstellen in der medialen Berichtserstattung.

Medien entscheiden was, wie, wodurch und mit welchen Rahmungen über Ereignisse berichtet wird“, heißt es bereits am Beginn der Studie, die sich mit 97 Beiträgen aus Nachrichtensendungen der zwei deutschen Fernsehsender ARD und ZDF auseinandersetzt, die zwischen 4. und 20. Jänner 2015 ausgestrahlt wurden. Damit ruft die Verfasserin der Studie, die Kommunikationswissenschafter der Uni Salzburg Ricarada Drüeke, in Erinnerung, dass die „Vermeidung von Diskriminierungen“ eigentlich eine wichtige Grundlage in den publizistischen Grundsätzen des Deutschen Presserates ist. Das Gegenteil schien jedoch in Hinblick auf Köln der Fall gewesen zu sein und so zeigt Drüeke auf, dass in der medialen Berichtserstattung die Konstruktion einer vermeintlich homogenen Tätergruppe überwog, die als „Andere“ bzw. „Fremde“ ausgemacht wurden. Diese Herangehensweise lieferte auch die Grundlage dafür, dass ein Zusammenhang zwischen Geflüchteten und sexualisierter Gewalt hergestellt wurde, den rechte und rechtsextreme Gruppierungen und Akteur_innen in weiterer Folge schnell für Forderungen nach Abschiebung sowie Verschärfungen der Asylgesetze instrumentalisierten. Dass diese Konstruktionen aktuell nicht an Wirkungsmacht eingebüßt haben, zeigte sich nicht zuletzt an der diesjährigen Kölner Silvesternacht. Nach dem Versagen polizeilicher Kräfte im vergangen Jahr, steht der Silvestereinsatz in diesem Jahr erneut in der Kritik da den Beamten aktuell „racial profiling“ vorgeworfen wird. An die 1000 Menschen sollen aufgrund ihres Aussehens kontrolliert und teilweise festgesetzt worden sein.

Die TV-Berichterstattung in ARD und ZDF über die Silvesternacht 2015/16 in Köln (externer Link, PDF)

Die TV-Berichterstattung in ARD und ZDF über die Silvesternacht 2015/16 in Köln (externer Link, PDF)

Leerstellen und mangelnde Aufklärung

Neben der Konstruktionen der Täterdarstellungen analysiert Drüeke auch die Leerstellen der Debatte wie beispielsweise den Umstand, dass die „Kontextualisierung sexualisierter Gewalt als gesamtgesellschaftliches Phänomen“ weitgehend ausblieb. Als ein weiteres großes Manko erkennt die Autorin, dass bis Juni 2016, als das Zeit-Magazin eine Beitrag unter dem Titel „Was geschah wirklich?“ veröffentlichte, die breite Öffentlichkeit von den Medien (wie auch dem ZDF und ARD) „im Unklaren darüber [gelassen wurde], was sich «tatsächlich» in der Silvesternacht ereignet hat“. Der Artikel lieferte auch erstmals umfassendere Zahlen. So liegen aktuell rund 500 Anzeigen wegen sexueller Belästigung (von insgesamt knapp 1200 Strafanzeigen zur Kölner Silvesternacht), darunter fünf wegen Vergewaltigung und 16 wegen versuchter Vergewaltigung vor (Quelle/Link: ZEITmagazin Nr. 27/2016, 28.6.2016).

Um Berichtserstattungen künftig zu verbessern, liefert die rund 40 Seiten Broschüre auch Handlungsanweisungen, die sich insbesondere an Journalist_innen und Medienmacher_innen richten. In diesem Sinne kann an diese „also appelliert werden, einmal mehr zu hinterfragen, inwieweit ständige Wiederholungen bestimmter Themen oder Merkmale zu einer Stereotypisierung aber auch zu ungleicher Behandlung in der Darstellung beitragen können […]. Wünschenswert wäre damit ein kritischer Journalismus, der solche Muster der Homogenisierung, Kulturalisierung und Abwertung identifiziert und stattdessen das Spektrum des Berichtenswerten erweitert.

Hier kann die Broschüre kostenlos herunter geladen werden: Die TV-Berichterstattung in ARD und ZDF über die Silvesternacht 2015/16 in Köln (externer Link, PDF)