Büchertipps 2018 (Teil 2)

Ist ja nicht so ein­fach, das richtige Geschenk zu find­en – falls man sich über­haupt diesem Brauch verpflichtet fühlt. Ist das Schenken eigentlich ein Brauch, wie ihn sich die FPÖ imag­iniert und Zuge­wan­derten geset­zlich vorschreiben will oder geschickt getarn­ter Kon­sum­is­mus? Es ist ein­er­lei, denn von der FPÖ wer­den wir sowieso keine g’scheite Antwort bekom­men, aber wir hät­ten da einige Empfehlun­gen – in les­bar­er Form, egal für wen und wozu. Haupt­sache, sie wer­den gele­sen! Heute: Sachbücher.

Tri­umph des Wissens

Ist das eigentlich ein Sach­buch, was die ‚Hooli­gans gegen Satzbau‘ unter diesem Titel fab­riziert haben? Die ‚Hooli­gans gegen Satzbau‘, kurz #HoGeSatzbau, sind in Deutsch­land etwa das, was für Öster­re­ich der AK Deutsch für FPÖ-Anhänger (und Rin­nen) darstellt, also eine Ini­tia­tive auf Face­book, die sich nicht nur mit dem Recht­sruck, son­dern auch mit der Rechts-Schrei­bung auseinan­der­set­zt. Die Rechts-Schrei­bung definieren die Hools so:

Die soge­nan­nte Rechts-Schrei­bung ist eine zunehmend um sich greifende Form der ver­balen Ver­ro­hung – beson­ders in sozialen Net­zw­erken. Sie ist geprägt von men­schen­ver­ach­t­en­dem Inhalt, teils maßlosem Nation­al­stolz, Gewal­takzep­tanz und Belei­di­gun­gen. Nicht sel­ten gehen diese Merk­male mit ein­er Mis­sach­tung aller gängi­gen Gram­matikregeln ein­her …

Hätte Got­tfried Wald­häusl das Buch rechtzeit­ig zur Hand gehabt, dann hätte er gewusst, dass der von ihm in der Debat­te um die Unter­bringung von geflüchteten Jugendlichen ver­wen­dete Begriff der „Son­der­be­hand­lung“ im Buch so beschrieben wird: „Son­der­be­hand­lung (= Mord. Mit ver­schiede­nen „Sonder“-Begriffen ver­schleierte, beschönigte und ver­harm­loste das nation­al­sozial­is­tis­che Regime seine Taten)“

Aber wir ver­muten stark, dass Wald­häusl das Buch der Hooli­gans ganz sich­er nicht lesen wird. Dabei kön­nte es ihm dur­chaus gefall­en! Etwa, wenn ein Foto auf Face­book das Innere eines Busses zeigt. Dazu die Schlagzeile: „Hil­fe, ein Bus voller Burkas!!!“ Wald­häusl wäre sich­er ein geeigneter Kom­men­tar einge­fall­en. Bei genauer­er Betra­ch­tung stellt man allerd­ings fest, dass nicht Bur­ka-Frauen gezeigt wer­den, son­dern gepol­sterte leere Sitze, die durch Lichte­in­fall wie Burkas aussehen.

Ein klas­sis­ches Sach­buch ist „Tri­umph des Wis­sens“ nicht, eher ein Schul­buch. Dafür wäre es her­vor­ra­gend geeignet, etwa weil zu dem Face­book-Geschreib­sel von Mar­cel „Haha Antifa….wir kriegen euch ihr linkes Kom­pon­is­ten pack Sor­ry meine komonis­ten“ gle­ich (Schul-)Aufgaben for­muliert wer­den. Und Zusatza­uf­gaben: „Nenne drei große deutsche Kom­pon­is­ten neb­st Werken. Nenne einen deutschen Kom­mu­nis­ten bei vollem Namen.

Wald­häusl käme ver­mut­lich ganz schön ins Schwitzen!

Hogesatzbau, Tri­umph des Wis­sens. Ver­lang Antje Kun­st­mann, München 2018. € 14,40

Hogesatzbau: Triumph des Wissens (Buchcover)

Hogesatzbau: Tri­umph des Wis­sens (Buch­cov­er)

Wut. Was Islamis­ten und Recht­sex­treme mit uns machen

Ein wichtiges Buch. Ein eigentlich schon längst fäl­liges Buch der Extrem­is­mu­s­ex­per­tin Julia Ebn­er, die die Par­al­le­len zwis­chen islamis­chem und rechtem Extrem­is­mus auf­spürt und analysiert. Dafür hat sie mit Dschi­hadis­ten eben­so per­sön­lich gesprochen wie mit Rechtsextremisten:

In meinen Gesprächen mit Extrem­is­ten in recht­sradikalen Foren erkan­nte ich, dass das Drehbuch der Recht­sex­tremen dem der Islamis­ten erstaunlich ähn­lich ist. Bei­den ging und geht es darum, durch kon­trol­lierte Pro­voka­tion und strate­gis­che Polar­isierung das selb­stzer­störerische Poten­zial der Gesellschaft freizuset­zen, sodass sie let­z­tendlich freie Bahn haben, um ihr eigenes radikales Mod­ell zu etablieren.“ (S.14)

Die Autorin doku­men­tiert erschreck­ende, aber auch erschreck­end viele Par­al­le­len: von der Schwarzweiß-Malerei über die Opfer­hal­tung bis hin zur End­kampf-Rhetorik, der sich bei­de gle­icher­maßen bedi­enen. Auch die Empirie, eine Daten­bank zu ter­ror­is­tis­chen Vor­fällen, führt sie an:

Ein genauer­er Blick auf die Vor­fälle, die sich in dem Zeitraum zwis­chen Jan­u­ar 2012 und Sep­tem­ber 2016 über­all in den USA, Aus­tralien, Großbri­tan­nien, Frankre­ich und Deutsch­land ereigneten, zeigt, dass recht­sex­treme und islamistis­che Ter­ro­ran­schläge in der Regel zur sel­ben Zeit stark zunehmen.“ (S. 215)

Mit nüchter­nen Fak­ten wider­legt Julia Ebn­er so auch das Nar­ra­tiv der Ver­fas­sungss­chützer, die – weil’s den Innen­min­is­tern so in ihren poli­tis­chen Kram passt – seit ger­aumer Zeit jedes Jahr die Mär vom sich gegen­seit­ig auf­schaukel­nden Links- bzw. Recht­sex­trem­is­mus erzählen.

Trotz­dem fehlt auch etwas im Buch – oder wird durch den Titel ver­drängt. Die Wut ist nicht der einzige bzw. der wesentlich­ste Trig­ger für eine recht­sex­treme oder dschi­hadis­tis­che Entwick­lung. Es braucht zuvor Angst und Äng­ste – vor Abw­er­tung, Auss­chluss und Aus­gren­zung. Das von Ebn­er einge­forderte Pri­mat der Bil­dung, mit dem Extrem­is­mus eingedämmt wer­den könne, ist wichtig – sehr wichtig, keine Frage! Es löst aber nicht die ange­führten sozialen Prob­leme. Die gesellschaftliche Mitte, die ger­ade in extreme Posi­tio­nen weg­bricht, ist nicht so schlecht gebildet. Das alles weiß Ebn­er und erwäh­nt es gele­gentlich sog­ar, aber es kommt zu kurz. Uner­wäh­nt bleibt auch, dass der sun­ni­tis­che Extrem­is­mus neben dem West­en noch einen anderen Feind hat, den er noch erbit­tert­er bekämpft: die Schia bzw. die Schi­iten bzw. andere islamis­che Strö­mungen. Wobei es auch da wieder Par­al­le­len mit recht­en Extrem­is­ten gibt, die –zumin­d­est teil­weise – in der Linken den größeren Feind sehen als in islamis­chen Extrem­is­ten. Aber – da tre­f­fen wir uns wieder mit Julia Ebn­er – es ist eben alles etwas kom­pliziert­er und bunter als in den Schwarzweiß-Zeich­nun­gen der Extremisten.

Julia Ebn­er, Wut. Was Islamis­ten und Recht­sex­treme mit uns machen. Theiss-Ver­lag, Darm­stadt 2018.€ 20,60

 

Ebner: Wut (Buchcover)

Ebn­er: Wut (Buch­cov­er)

Ein­same Wölfe. Der neue Ter­ror­is­mus rechter Einzeltäter

Endlich nimmt sich ein Experte aus dem deutschsprachi­gen Raum des rel­a­tiv neuen Phänomens rechter ter­ror­is­tis­ch­er Einzeltäter an. Es war ein US-Nazi, näm­lich Tom Met­zger, der für sie den Begriff der „lone wolves“, der ein­samen Wölfe, geprägt hat. Für Met­zger war der von ihm hero­isierte „lone wolf“ die geeignete Antwort auf eine poli­tis­che Sit­u­a­tion, in der es keine Voraus­set­zun­gen für organ­isierte ter­ror­is­tis­che Struk­turen gab. Da, so der Autor Flo­ri­an Hartleb, begin­nt schon das Missver­ständ­nis. In der polizeilichen Analyse kon­nte ein Einzeltäter kein rechter Extrem­ist sein, weil keine poli­tis­chen Struk­turen hin­ter oder neben ihm sicht­bar bzw. nicht gesucht und ver­mutet wer­den. Hartleb belegt das deut­lich am Beispiel von David Son­boly, der exakt auf den Tag genau fünf Jahre nach Breiviks Ter­ro­ran­schlag am 22. Juli 2016 im Münch­n­er Olympia-Einkauf­szen­trum neun Men­schen tötete und fünf weit­ere ver­let­zte. Hartleb war in dieser Causa per­sön­lich engagiert, weil er als offizieller Gutachter für die Stadt München im Unter­schied zum Ver­fas­sungss­chutz Tat und Täter einem recht­sex­trem­istis­chen Welt­bild zuord­nete. Erst langsam und nach­dem öffentlich zugängliche Infor­ma­tio­nen aus den USA ein virtuelles Net­zw­erk „Anti-Refugee-Club“, in das auch Son­boly involviert war, bele­gen, ändert sich auch die offizielle Ein­schätzung über Sonboly.

Auf der anderen Seite bietet natür­lich jed­er ter­ror­is­tis­che Einzeltäter, den Ermit­tler als poli­tisch unbe­darft und ohne poli­tis­che Verbindung darstellen, wun­der­bare Inter­pre­ta­tions­flächen. Zu Franz Fuchs sind ein­er­seits Büch­er erschienen, die die Einzeltäter-Ermit­tlun­gen in Frage stellen, während die FPÖ in der weit­ge­hend unpoli­tis­chen Aufar­beitung von Fuchs eine Möglichkeit sah, ihre völ­lig irre These vom prä­gen­den sozialdemokratis­chen Eltern­haus, gle­ich ein­er roten Erb­sünde , einzubrin­gen. Hartleb schreibt dazu völ­lig richtig: „Bemerkenswert ist, dass sich der Prozess gegen ihn sehr stark auf die per­sön­lichen Störun­gen konzen­tri­erte und den Aspekt der Frem­den­feindlichkeit außer Acht ließ.“ (S.116) Noch wesentlich­er sind aber die Schlussfol­gerun­gen des Autors:

Seine Geschichte hätte eine bre­ite Debat­te über das frem­den­feindliche Kli­ma erzeu­gen kön­nen, das die FPÖ damals (…) erzeugte. Doch dazu kam es nicht, auch weil Fuchs’ Tat­en nie unter Ein­beziehung sein­er Beken­ner­schreiben und in Hin­blick auf gefährliche gesellschaftliche Debat­ten geführt wur­den, die dazu beige­tra­gen haben, aus einem hochin­tel­li­gen­ten jun­gen Mann aus ein­er ländlichen Region einen bru­tal­en Atten­täter zu machen.“ (S. 118 f)

Es ist das Ver­di­enst dieses Buch­es, hier genauer hinzuschauen, Def­i­n­i­tio­nen zu ver­suchen und Abgren­zun­gen vorzunehmen. Den „ein­samen Wolf“ gibt es nicht nur mit recht­sex­tremer Ide­olo­gie im Hin­ter­grund, son­dern auch mit islamistis­chem Hin­ter­grund. Auch hier sieht Hartleb die organ­isatorische Schwäche von Al Qai­da und mit­tler­weile auch des IS als Grund für die Ausweitung der Einzelkämpfer­ak­tio­nen – im Unter­schied zu den ter­ror­is­tis­chen Net­zw­erken, die 2015 in Paris und 2016 in Brüs­sel gemordet haben.

Gern hät­ten wir auch etwas über Johann Neumüller, den Breivik von Traun, erfahren, der am gle­ichen Tag wie der nor­wegis­che Ter­ror­ist, völ­lig unab­hängig von diesem, mehrere Morde in Traun geplant hat­te, aber dank Lade­hem­mung „nur“ einen aus­führen kon­nte. Ver­mut­lich hat Hartleb jedoch nicht mehr Infor­ma­tio­nen als wir, denn die Behör­den haben trotz gegen­läu­figer Ankündi­gun­gen den recht­sex­tremen Hin­ter­grund dieses ein­samen Wolfes nie aufgek­lärt bzw. öffentlich gemacht.

Schade, dass bei der Redak­tion des Buch­es auf ein Suchreg­is­ter verzichtet wurde.

Flo­ri­an Hartleb, Ein­same Wölfe. Der neue Ter­ror­is­mus rechter Einzeltäter. Hoff­mann und Campe, Ham­burg 2018. € 22,70

 

Hartleb: Einsame Wölfe (Buchcover)

Hartleb: Ein­same Wölfe (Buch­cov­er)

… um alle nazis­tis­che Tätigkeit und Pro­pa­gan­da in Öster­re­ich zu verhindern

Der Sam­mel­band enthält alle Beiträge ein­er Tagung, die im Jän­ner 2018 am Juridicum der Uni­ver­sität Wien zum The­ma Ver­bots­ge­setz, Abze­ichenge­setz und Ver­wal­tungsstrafrecht mit ver­sierten Exper­tIn­nen stattge­fun­den hat. Der Rezensent hat den Sam­mel­band noch nicht gele­sen, aber an der Tagung im Jän­ner teilgenom­men und kann deshalb bescheini­gen, dass die Beiträge damals durchge­hend sehr inter­es­sant und für Anwen­derIn­nen bzw. Inter­essierte fast schon unent­behrlich sind.

  • Brigitte Bail­er: Gegen nation­al­sozial­is­tis­che Wieder­betä­ti­gung und Holo­caustleug­nung. Das NS-Ver­bots­ge­setz 1947 bis heute.
  • Farsam Sal­i­mi: Zur Reich­weite der Straf­barkeit nation­al­sozial­is­tis­ch­er Pro­pa­gan­da. Eine Analyse der §§ 3g und 3h Verbotsgesetz.
  • Franz Mer­li: „Unfug“ im Ein­führungs­ge­setz zu den Verwaltungsverfahrensgesetzen
  • Math­ias Licht­en­wag­n­er: „… den Geist der Organ­i­sa­tion verpflanzende Wirkung“ Das Abze­ichenge­setz als Mit­tel im Kampf gegen NS-Symbole.
  • Alois Birkl­bauer: Sub­sidiar­ität und Dop­pelbe­stra­fungsver­bot bei Ver­stößen gegen das Ver­bots­ge­setz und das Verwaltungsstrafecht.
  • Ewald Wiederin: Das Ver­bots­ge­setz und die Meinungsfreiheit.
  • Ulrich Wagrandl: Dig­i­tale wehrhafte Demokratie. Ver­botene poli­tis­che Sym­bole im Internet.
  • Ange­li­ka Aden­samer: Anzeigen­sta­tis­tiken und die Gren­zen ihrer Aus­sagekraft. Delik­te nach dem Ver­bG, AbzG und EGVG von 1987–2017.

Math­ias Licht­en­wag­n­er, Ilse Reit­er-Zat­loukal (Hg.): „… um alle nazis­tis­che Tätigkeit und Pro­pa­gan­da in Öster­re­ich zu ver­hin­dern“ NS-Wieder­betä­ti­gung im Spiegel von Ver­bots­ge­setz und Ver­wal­tungsstrafrecht. CLIO-Ver­lag, Graz 2018. € 18,-

Zatloukal, Lichtenwagner: ... um alle nazistische Tätigkeit und Propaganda in Österreich zu verhindern (Buchcover)

Zat­loukal, Licht­en­wag­n­er: … um alle nazis­tis­che Tätigkeit und Pro­pa­gan­da in Öster­re­ich zu ver­hin­dern (Buch­cov­er)

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