Rechte Internetpropaganda (Rezension)

Jana Reis­sen-Kosch hat es sich in ihrer kür­zlich im Hempen-Ver­lag erschiene­nen Pub­lika­tion „Iden­ti­fika­tion­sange­bote der recht­en Szene im Netz“ zur Auf­gabe gemacht, sich näher mit der Online-Kom­mu­nika­tion von recht­en Grup­pen zu befassen. Aus­ge­hend von der Über­legung, dass „recht­sex­trem­istis­che Zusam­men­schlüsse beson­dere Kom­mu­nika­tion­sstrate­gien anwen­den, mit deren Hil­fe sie erfol­gre­iche Überzeu­gungsar­beit leis­ten und dabei den Schein der Legal­ität wahren kön­nen“, geht Reis­sen-Koch der Frage nach, welche kom­mu­nika­tiv­en Mit­tel einge­set­zt wer­den, um bes­timmte Ide­olo­gieele­mente zu ver­bre­it­en. Dabei fasst die Autorin Poli­tik als „beson­deres Betä­ti­gungs­feld mark­t­strate­gis­ch­er Bemühun­gen“ und nähert sich in rel­a­tiv untyp­is­ch­er, wenn auch für das The­ma durch­wegs passender Weise der The­matik indem sie einen sprach­wis­senschaftlichen Zugang in den Mit­telpunkt ihrer Analyse stellt.

Reis­sen-Kosch: Iden­ti­fika­tion­sange­bote der recht­en Szene im Netz — Bildquelle: Ver­lag Hempen

In der in der Rei­he „Sprache – Poli­tik – Gesellschaft“ veröf­fentlicht­en Pub­lika­tion iden­ti­fiziert die Autorin zunächst für die Unter­suchung rel­e­vante Begriffe und dif­feren­ziert u.a. zwis­chen Wer­bung bzw. PR und poli­tis­ch­er Pro­pa­gan­da sowie zwis­chen poli­tis­ch­er und per­sua­siv­er Kom­mu­nika­tion. Let­zt­ge­nan­nte bewege sich „zwis­chen Belehrung, Überre­dung und Überzeu­gung. Während es bei Belehrung um Wis­sens­bestände geht, zie­len Überre­dung und Überzeu­gung auf die Mei­n­ungs­bil­dung ab.“ Die Schwierigkeit, trotz sehr divers­er Erschei­n­ungs­for­men des Recht­sex­trem­is­mus, eine Auswahl recht­sex­tremer Inter­net­seit­en zu tre­f­fen, löst die Autorin, indem sie ihren Analy­seko­r­pus aus den Top-Lin­klis­ten der bei­den bedeu­ten­den recht­sex­tremen Inter­net­seite Thiazi.net und widerstand.info zusam­men­stellte. Ins­ge­samt 81 (deutschsprachige, parteiun­ab­hängig, wed­er kom­merziell noch jour­nal­is­tisch ori­en­tierte) Inter­ne­tauftritte recht­sex­tremer Grup­pierun­gen zwis­chen 2009 bis 2015 stellt Reis­sen-Kosch ins Zen­trum ihrer Forschung. Aus­ge­hend von ziel­grup­penori­en­tierten Über­legun­gen konzen­tri­ert sie sich u.a. darauf, welche neuen Möglichkeit­en poli­tis­ch­er Kom­mu­nika­tion das Inter­net mit sich brachte und wid­met sich dabei vor allem der sprach­lichen Gestal­tung, inhaltlichen Aus­rich­tung, struk­turellen Kom­plex­ität sowie dem auf den analysierten Inter­net­seit­en dargestell­ten Maß der Gewalt­bere­itschaft. In weit­er­er Folge macht Reis­sen-Kosch unter­schiedliche Ziel­grup­pen und Wertepro­file aus, die auf den Inter­net­seit­en mit Bildern unter­malt in die jew­eili­gen Leben­sre­al­itäten der Men­schen inte­gri­ert wer­den und ins­beson­dere junge Men­schen ansprechen sollen.

Die ein­gangs sehr klare Benen­nung des Vorhabens ver­liert sich jedoch im lei­der phasen­weise sehr trock­e­nen Analy­seteil in lin­guis­tisch-method­is­ch­er Fach­sprache und ist trotz beein­druck­ender Grafiken und anschaulichem Bild­ma­te­r­i­al stel­len­weise nur wenig leser_innenfeundlich. Auch das Faz­it hätte angesichts der doch sehr umfassenden Analyse durch­wegs länger aus­fall­en kön­nen, da die in der Unter­suchung gewonnenen Erken­nt­nisse so eher zwis­chen den Zeilen gesucht wer­den müssen. In aller Kürze schafft es die Autorin aber den­noch aufzuzeigen, dass „recht­sex­treme Grup­pierun­gen über ihre Selb­st­darstel­lung­s­texte im Inter­net mas­siv Pro­pa­gan­da betreiben“ und es ihnen gelingt, durch unter­schiedliche Iden­ti­fika­tion­sange­bote diverse (nicht nur am ver­meintlichen gesellschaftlichen Rand ange­siedel­ten) Ziel­grup­pen, oft­mals über „Mit­mach-Möglichkeit­en“, anzus­prechen.

Abschließend erwäh­nt die Autorin, dass es sich bei ihrer akribisch recher­chierten Arbeit den­noch nur um eine „Pilot­studie“ han­dle und es weit­ere umfassendere und tie­fer­re­ichende Auseinan­der­set­zun­gen mit der Materie bräuchte. Auch wenn das Aufzeigen von Präven­tions- und Inven­tion­s­möglichkeit­en nicht notwendi­ger­weise zu den Ker­nauf­gaben von Linguist_innen gehört, wäre eine vielle­icht noch dringlichere Frage, jene nach den Umgangs­for­men und Hand­lungsmöglichkeit­en in Bezug auf die bere­its gewonnenen Erkenntnisse.

Reis­sen-Kosch, Jana (2016): Iden­ti­fika­tion­sange­bote der recht­en Szene im Netz. Lin­guis­tis­che Analyse per­sua­siv­er Online-Kom­mu­nika­tion. Bre­men: Hempen. 36 Euro.