Kirchstettens Roma: Futschikato?

Das Wort „Futschika­to“ ist mit­tler­weile aus dem Sprachge­brauch so ver­schwun­den wie die Erin­nerung daran, dass vor 80 Jahren mit­ten unter uns Roma und Sin­ti gelebt haben. In Kirch­stet­ten, ein­er Mark­t­ge­meinde in Niederöster­re­ich, waren es 80–100, die dann in die NS-Konzen­tra­tions- und Ver­nich­tungslager ein­geliefert wur­den: “futschika­to“. Die Kun­stschaf­fende Mari­ka Schmiedt wollte mit ein­er tem­porären Kun­stin­stal­la­tion in Kirch­stet­ten an sie erinnern.


marikaschmiedt.files.wordpress.com
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Auch der Wikipedia-Ein­trag zu Kirch­stet­ten weiß nichts über Roma und Sin­ti in Kirch­stet­ten – sie sind „futschika­to“, so auch der Titel der geplanten Kun­stin­stal­la­tion von Mari­ka Schmiedt. Jet­zt ist auch die tem­poräre Instal­la­tion ver­mut­lich „futschika­to“, denn der Bürg­er­meis­ter der Gemeinde Kirch­stet­ten hat dem Pro­jekt keine Genehmi­gung erteilt.

Warum, das begrün­det er in einem Brief an die Kün­st­lerin damit, dass das Zusam­men­leben mit Roma und Sin­ti, das ihm von älteren Gemein­de­bürg­erin­nen und Gemein­de­bürg­ern berichtet wurde, „kein schlecht­es war und alle miteinan­der gut aus­gekom­men sind“. Nach dieser entset­zlich ver­harm­losenden Anmerkung kommt aber gle­ich ein Satz, der ver­rä­ter­isch doku­men­tiert, dass das ‚Zusam­men­leben‘ doch anders war: „Es sind nun aber doch schon 70 Jahre seit diesen grauen­vollen Jahren ver­gan­gen….“.

Man kann sich eigentlich schon zusam­men­reimen, was nach diesem Satz unweiger­lich nach­fol­gen wird – und ja, es kommt genau so: „All­ge­mein­er Tenor: Erin­nerung ja, aber es muss auch ein­mal Schluss sein mit Aufar­beitung und Auseinan­der­set­zung“.

„Strikt“ wen­det sich der Bürg­er­meis­ter gegen die Tit­ulierung „dun­kles Kapi­tel der Orts­geschichte“ und liefert dafür eine Begrün­dung, die haarsträuben­der nicht sein könnte:

„Fast jede Stadt, Gemeinde oder Ortschaft in fast ganz Europa war Ort solch­er Gräueltat­en und es waren viel zu viele daran betei­igt“.

Ist das noch zu top­pen? Weiß der Bürg­er­meis­ter über­haupt, welche Unge­heuer­lichkeit­en er da kaskadenar­tig aneinan­der­rei­ht? Krö­nen­der Abschluss seines Schreibens ist die trotzige Fest­stel­lung: „Wir sind eine Dichterge­meinde und sind stolz darauf, Heimat für Kul­tur in all ihren Facetten und in ihrem bre­it­en Spek­trum zu sein“.

Als Beleg führt er an: „Josef Wein­heber, als weltweit anerkan­nter Lyrik­er und Poet, gehört da genau­so dazu wie W. H. Auden, der Maler Karl May­er­hofer, unser Kirchen­chor, die Tra­cht­en­musikkapelle, unsere Mundart­dich­terin Rosa Dorn u.v.m.“.

Josef Wein­heber – ja genau, der passt zum Schreiben des Bürg­er­meis­ters. Wein­heber, der nicht nur eine tragis­che Fig­ur, son­dern ein Nazi der frühen Stunde war, ein übler Anti­semit, der gegen jüdis­che Kun­stschaf­fende het­zte und den „von Gott gesandten Führer“ bejubelte. Auch „die roman­tisierende Verehrung“ von Wein­heber sollte in der Ausstel­lung von Schmiedt eine Rolle spielen.


Josef Wein­heber, Beken­nt­nis zur Heimkehr ins Reich. Beken­nt­nis­buch „Bund deutsch­er Schrift­steller Öster­re­ichs”, Wien 1938 (Bildquelle: marikaschmiedt.wordpress.com)
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Was den Bürg­er­meis­ter mehr gestört hat an Schmiedts Pro­jekt, die Auseinan­der­set­zung mit Wein­heber oder die Aufar­beitung des Umgangs mit Roma und Sin­ti, wis­sen wir nicht. Statt die Chance und Her­aus­forderung im Umgang mit der ver­drängten und verk­lärten Geschichte anzunehmen, hat der Bürg­er­meis­ter von Kirch­stet­ten die Stopp-Taste gedrückt: keine Aufar­beitung soll die Erin­nerung trüben.

Eine aus­führliche Darstel­lung find­et sich auf der Web­seite von Mari­ka Schmiedt. Von dort kann man auch Protest­mails an den Bürg­er­meis­ter von Kirch­stet­ten schicken.