Faschismus

Was ist Faschismus?

Der Begriff des Faschis­mus geht ursprünglich auf eine poli­tis­che Massen­be­we­gung in Ital­ien zurück, welche nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gegrün­det wurde. Das Wort „fasces“, nach dem sich die faschis­tis­chen Kampf­bünde „fas­cio di com­bat­ti­men­to“ benan­nten, beze­ich­net das lateinis­che Herrschaftssym­bol der Lik­toren (eine Art Leib­garde der Herrsch­er im alten Rom), ein Ruten­bün­del mit ein­er Axt in der Mitte. Sie sym­bol­isierten den bündis­chen Zusam­men­halt und zugle­ich zeigten sie die Berech­ti­gung, Kör­p­er- und Todesstrafen zu ver­hän­gen. Schon bald wurde der Name jener­er Bewe­gung rund um Ben­i­to Mus­soli­ni, die 1922 in Ital­ien an die Macht kam, zum oft unge­nauen und infla­tionären Sam­mel­be­griff für ähn­liche Bewe­gun­gen in anderen Län­dern. Als Gemein­samkeit­en wer­den hier­bei eine (völkisch) nation­al­is­tis­che, anti­sozial­is­tis­che, autoritäre und antipar­la­men­tarische ide­ol­o­gis­che Stoßrich­tung genan­nt. Was und wer nun aber als faschis­tisch zu gel­ten habe, ist nach mit­tler­weile 90 Jahren Diskus­sion (auch inner­halb der Linken) weit­er­hin umstrit­ten. Ganz zu Schweigen von Charak­ter und Funk­tion, die der Faschis­mus inner­halb jen­er Ver­hält­nisse ein­nimmt, die ihn her­vorge­bracht haben: die bürg­er­lich-kap­i­tal­is­tis­che Gesellschaft.
Fest ste­ht, dass nicht jede bösar­tige Dik­tatur automa­tisch unter dem Begriff des Faschis­mus zu fassen ist. Der infla­tionäre Gebrauch des Faschis­mus­be­griff erschw­ert eine ein­fache Darstel­lung und klare Einord­nung. Im Fol­gen­den soll es darum gehen, einen kurzen Überblick über die wichtig­sten Faschis­mus­the­o­rien zu bieten, die Unter­schiede zwis­chen dem ital­ienis­chen Faschis­mus und dem deutschen Nation­al­sozial­is­mus her­auszustellen und den Grün­den für die gesellschaftliche Wirk­mächtigkeit faschis­tis­ch­er Ide­olo­gien und Bewe­gun­gen nachzugehen.

Der Faschis­mus ist ein zutief­st wider­sprüch­lich­es Phänomen. Er trägt sowohl „rev­o­lu­tionäre“ wie auch kon­ser­v­a­tive Ele­mente in sich. Häu­fig wird dabei zwis­chen dem Faschis­mus als Ide­olo­gie und dessen Bewe­gungsphase ein­er­seits und dem Faschis­mus an der Macht ander­er­seits unter­schieden. In Ital­ien zeich­nete sich der Faschis­mus an der Macht durch ein Bünd­nis mit den herrschen­den Eliten aus Poli­tik, Wirtschaft und Kirche aus und vol­l­zog die Zer­schla­gung der Linksparteien und Gew­erkschaften, schaffte die par­la­men­tarische Demokratie und erkämpfte Arbeiter*innenrechte ab und arbeit­ete zusam­men mit Unternehmen an der Mil­i­tarisierung der Gesellschaft, welche im Krieg kul­minieren sollte. Dieses Bünd­nis mit den herrschen­den Eliten wird in der soge­nan­nten Bona­partismus­the­o­rie, die sich stark an Marx Schriften der niedergeschla­ge­nen Rev­o­lu­tion in Frankre­ich ori­en­tiert, aufge­grif­f­en und hebt die Verselb­st­ständi­gung der Exeku­tive gegenüber den anderen staatlichen Gewal­ten hervor.

Hinter dem Faschismus steht das Kapital?

Die Fokussierung auf den funk­tionalen Charak­ter des Faschis­mus für das Kap­i­tal und die herrschende Klasse, in Zeit­en ein­er kap­i­tal­is­tis­chen Krise die Gefahr ein­er Rev­o­lu­tion des Pro­le­tari­ats niederzuschla­gen, führteim Marx­is­mus-Lenin­is­mus zu einem starken Bezug auf Geor­gi Dim­itrow. Seine zen­trale These lautete, dass der Faschis­mus die „ter­ror­is­tis­che Dik­tatur der am meis­ten reak­tionären, chau­vin­is­tis­chen und impe­ri­al­is­tis­chen Ele­mente des Finanzkap­i­tals“ sei. Diese The­o­rie blendet jedoch nicht nur den „avant­gardis­tis­chen“ und „rev­o­lu­tionären“ Charak­ter faschis­tis­ch­er Ide­olo­gien in ihrem Selb­stver­ständ­nis aus, son­dern fol­gt auch einem ökon­o­mistis­chen Reduk­tion­is­mus, der nicht nach den sozio-poli­tis­chen, sozialpsy­chol­o­gis­chen Bedin­gun­gen des Auf­stiegs des Faschis­mus als Massen­be­we­gung fragt.

Der autoritäre Charakter und die Faschismus-Skala.

Eben dieser Frage, warum sich näm­lich ein Großteil der Arbeiter*innenklasse statt für eine pro­le­tarische Rev­o­lu­tion zu kämpfen dem Faschis­mus zuneigte, geht die Kri­tis­che The­o­rie nach. Allen voran Theodor W. Adornos Stu­di­en zum autoritären Charak­ter zeigen auf, dass es nicht nur ein­er „von oben“ herab verord­neten Poli­tik bedarf, son­dern auch einem Bedürf­nis „von unten“ um den Faschis­mus zu erk­lären. In der Faschis­mus-Skala wer­den zen­trale Charak­tereigen­schaften angezeigt, die als Bedin­gung für die Annahme faschis­tis­ch­er Ide­olo­gien aus­gemacht wer­den. Darunter find­en sich Eigen­schaften wie eine sig­nifikante Ich-Schwäche, eine starre Fix­ierung auf Werte mit­tel­ständis­ch­er Kon­ven­tio­nen, autoritäre Untertänigkeit bei Autoritäten der Eigen­gruppe, Aggres­sio­nen und Bestra­fungsphan­tasien gegenüber jenen, die ver­meintlich oder tat­säch­lich kon­ven­tionelle Werte ver­let­zen, Aber­glaube und Stereo­typ­ie, Kraft­meierei, Zurschaustel­lung von Stärke und Robus­theit ver­bun­den mit Ver­ach­tung gegenüber Schwachen, Destruk­tiv­ität und Zynis­mus, Nei­gung zur Pro­jek­tion und zur Her­vorhe­bung des Sex­uellen, Abwehr des Sub­jek­tiv­en, Phan­tasievollen und Sen­si­blen. Dadurch geht auch die Fähigkeit zur Selb­stre­flex­ion ver­loren. Das Fehlen der Eigen­ständigkeit führt zum Ver­lan­gen nach star­ren, stereo­typen Struk­turen und zur Abwehr der Ambivalenz. Die Selb­st­be­herrschung und die Anpas­sung an die Kon­ven­tio­nen und Werte der Gesellschaft, die Verin­ner­lichung des gesellschaftlichen Zwangs, um ihn erträglich gestalt­bar zu machen, führen in weit­er­er Folge zur Abspal­tung eigen­er unter­drück­ter, weil uner­wün­schter Triebim­pulse und zu Pro­jek­tion auf „Andere“. Dieser Mech­a­nis­mus geht soweit, dass die physis­che Ver­fol­gung von Nicht-Iden­tis­chen als psy­chis­che Ent­las­tung möglich wird. „Dieser Mech­a­nis­mus lässt sich als neg­a­tiv gewen­dete Wun­schvorstel­lung beze­ich­nen, neg­a­tiv im Sinne eines sich im Haus auf ‚die anderen’ man­i­festieren­den Selb­sthas­s­es. […] Was man selb­st nicht haben kann, soll auch kein ander­er besitzen. Der ‚Gedanke an Glück’ muss aus­getrieben wer­den.“ Mit diesem Vor­gang der Pro­jek­tion lassen sich eine Vielzahl an ras­sis­tis­chen und anti­semi­tis­chen Ressen­ti­ments erk­lären, deren Grund­lage die kap­i­tal­is­tis­che Gesellschaft bildet, zu der sich die einzel­nen Men­schen als arbeit­spro­duk­tive und staat­sloyale Sub­jek­te zuricht­en müssen. Neben dem Vor­gang der Pro­jek­tion, der solch­er Zurich­tung fol­gt und dem Bedürf­nis nach star­ren und rigi­den Grenzziehun­gen um sich eine Iden­tität zu zim­mern, in ein­er Gesellschaft in der der in der Konkur­renz Vere­inzelte ten­den­ziell über­flüs­sig und erset­zbar ist, gehören autoritäre Unter­wür­figkeit und autoritäre Aggres­sion gegen Fremd­grup­pen zu zwei Seit­en der gle­ichen Medaille. Der starke Staat dient hier als Quelle von Kraft in ein­er Welt voller Ohn­macht, der man sich unterzuord­nen habe. Die Aggres­sio­nen und Bestra­fungsphan­tasien wer­den auf Einzelne und Grup­pen abgeleit­et, die als schwach gel­ten und aus der Eigen­gruppe aus­geschlossen werden.

Die Massenpsychologie des Faschismus und die Furcht vor der Freiheit.

Neben Adorno sind es vor allem Wil­helm Reich und Erich Fromm, die in ihren Werken „Massenpsy­cholo­gie des Faschis­mus“ und „Die Furcht vor der Frei­heit“, auf die sub­jek­tive Ebene in der Darstel­lung faschis­tis­ch­er Ide­olo­gien einge­hen. Der im Faschis­mus kul­tivierte Anti­in­di­vid­u­al­is­mus, dass der Einzelne sich dem „großen Ganzen“, dem Volk und dem Führer unterzuord­nen habe, ver­spricht dem Einzel­nen eine per­sön­liche narzis­stis­che Aufw­er­tung und kann als „Ratio­nal­isierte Furcht vor der Frei­heit“ ver­standen wer­den, die von der Sehn­sucht nach Ein­fach­heit, Klarheit und der Auflö­sung von Kom­plex­ität geprägt ist. Das Aufge­hen im (nationalen) Kollek­tiv, das nur mit der Preis­gabe der eignen Indi­vid­u­al­ität zu haben ist, bietet Schutz vor den Zumu­tun­gen der mod­er­nen Arbeits­ge­sellschaft, stiftet Gebor­gen­heit und Wärme in ein­er erkalteten Welt. Zudem lassen sich hier Priv­i­legien und Rechte für die Eingeschlosse­nen durch den Auss­chluss der „Anderen“ behaupten.

Autoritäre Revolte gegen die Moderne.

Der Sozi­ologe Zeev Stern­hell ver­sucht demge­genüber die faschis­tis­che Ide­olo­gie ideengeschichtlich herzuleit­en. Der Faschis­mus verneint die offene Gesellschaft und bejaht die geschlossene Gemein­schaft. Auf das „unvol­len­dete Pro­jekt der Mod­erne“, die sich durch Ratio­nal­is­mus, Egal­i­taris­mus und eine vernün­ftige Gestal­tung der Lebensver­hält­nisse ausze­ich­net, proklamiert der Faschis­mus eine Absage an die Mod­erne und die Werte der Aufk­lärung. Die tief­greifend­en poli­tis­chen, sozialen und ökonomis­chen Umwälzun­gen, die mit der Durch­set­zung der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tions- und Lebensweise ein­herge­hen, befre­it­en die Men­schen zwar aus dem direk­ten, per­sön­lichen Zwang, kon­nten aber die Ver­sprechen der Mod­erne nicht ein­lösen. Anstatt die Ein­lö­sung dieser Ver­sprechen zu fordern, antwortet der Faschis­mus auf die als sinn­los und ent­fremdet wahrgenommene Mod­erne damit, die Men­schen wieder durch eine höhere Ord­nung, durch die recht­en Mythen von Volk und Nation und vor allem durch eine neue organ­is­che Elite, in Dienst und Zucht zu nehmen. Dem Faschis­mus gilt die par­la­men­tarische Demokratie und das abstrak­te Recht als west­liche Dekadenz, wenn nicht als „jüdis­che Machen­schaft“, welche nicht mit dem als natür­lich gedacht­en Wesen in Ein­klang zu brin­gen sind. Der faschis­tis­che Recht­s­the­o­retik­er und Kro­n­jurist des Drit­ten Reich­es, Carl Schmitt, bringt die faschis­tis­che Vorstel­lung auf den Punkt, wenn er davon spricht, dass nicht der Bürg­er son­dern der Sol­dat die neue Gemein­schaft erschafft. Der Faschis­mus entwirft das Bild des sol­datis­chen Mannes (Theweleit), ein­er hero­is­chen Männlichkeit, die sich von allem Schwachen und Weich­lichen abgren­zt. Antifem­i­nis­mus ist in dieser Ide­olo­gie imma­nent vorhan­den, der männliche Krieger, der Tugen­den wie Furcht­losigkeit, Tapfer­keit und Opfer­bere­itschaft in sich trägt, ist das Ide­al­bild. Die direk­te poli­tis­che Tat – die Gewalt — und Kom­pro­miss­losigkeit wird als „faschis­tis­ch­er Stil“ gegen die Ver­mit­tlun­gen der mod­er­nen Gesellschaft in Stel­lung gebracht. Die Vorstel­lung von Staatlichkeit kann als Apolo­gie dieser Gewalt ver­standen wer­den: „Sou­verän ist, wer über den Aus­nah­mezu­s­tand entschei­det“ , der per­sön­liche Befehl wird gegen das abstrak­te „jüdis­che“ Recht in Stel­lung gebracht. Den Charak­ter des Nation­al­sozial­is­mus als „Unrechtsstaat“, in der das Recht zwar als Form erhal­ten bleibt, aber inhaltlich kom­plett entleert wird, hat Franz Neu­mann in seinem Werk „Behe­moth“ analysiert.

Volksgemeinschaft statt Klassengesellschaft

Faschis­mus und bürg­er­liche Gesellschaft sind nicht das Selbe, auch wenn reak­tionäre Ide­olo­gien Pro­duk­te der bürg­er­lichen Gesellschaft sind. Der Faschis­mus gibt sich antibürg­er­lich. Oder wie Moishe Pos­tone es beschrieben hat, er ist die kon­formistis­che Revolte gegen das Kap­i­tal, auf Grund­lage des Kap­i­tals. Gegen die bürg­er­liche Frei­heit set­zt der Faschis­mus den Anti­in­di­vid­u­al­is­mus und das Gemein­schafts­dünkel, gegen die formelle Gle­ich­heit proklamiert er die prinzip­ielle Ungle­ich­heit der Men­schen und den völkischen Ras­sis­mus. Und gegen die Ver­nun­ft stellt er nationale Mythen, Blut und Boden und den Irra­tional­is­mus. Ein idyl­lis­ches Bild ein­er roman­tis­chen Ver­gan­gen­heit wird ent­wor­fen, die für den Faschis­mus Legit­i­ma­tion­s­grund­lage und Zielvorstel­lung gle­icher­maßen darstellt — ver­bun­den mit apoka­lyp­tis­chen Unter­gangs- und Ret­tungsphan­tasien, in der der Führer die erhoffte Erlö­sung brin­gen soll. Die Wider­sprüche der mod­er­nen Gesellschaft sollen autoritär ver­söh­nt wer­den in ein­er Blutsge­mein­schaft aus Herrsch­ern und Beherrscht­en. In der Vorstel­lung der Volks­ge­mein­schaft, einem der zen­tralen Begriffe des Faschis­mus, soll die Kas­sen­ge­sellschaft neg­a­tiv aufge­hoben wer­den. In dem anti­semi­tis­chen Angriff auf die abstrak­te Seite des Kap­i­tal­is­mus (glob­ale Finanzwirtschaft, Zin­sen usw.) wird ein „nationaler Sozial­is­mus“ proklamiert, der die Eigen­tumsver­hält­nisse und die Pro­duk­tion­sweise nicht in Frage stellt. Dieser völkische, ressen­ti­ment­ge­ladene „Antikap­i­tal­is­mus“ ist nicht nur bloßer „Schein“ um die Arbeiter*innen zu ködern, son­dern let­z­tendlich zen­traler Bestandteil des mörderischen Anti­semitismus. Hin­ter den unver­stande­nen Zwän­gen und Dynamiken des Kap­i­tal­is­mus wird eine geheime, ver­bor­gene, glob­ale Ver­schwörung imag­iniert. Die Juden und Jüdin­nen erscheinen als die Per­son­ifika­tion des „raf­fend­en“ Kap­i­tals, welch­es dem „schaf­fend­en“ Volk gegenübersteht.

Die proletarische Nation? Der „linke“ Beitrag an der Entstehung faschistischer Ideologie.

Philosophisch richtet sich der Faschis­mus gegen Lib­er­al­is­mus und Marx­is­mus und zeich­net sich durch Anti­in­di­vid­u­al­is­mus, Ant­ie­gal­i­taris­mus und Anti­hu­man­is­mus aus. Poli­tisch-ide­ol­o­gisch stellt der Faschis­mus eine Syn­these von völkischem Nation­al­is­mus und der Marxre­vi­sion des franzö­sis­chen Philosophen und Syn­dikalis­ten Georges Sorels dar. Diese Analyse teilt anscheinend auch Armin Mohler, der „geistige Vater“ der „Neuen Recht­en“ in Deutsch­land, wenn er in einem Inter­view meint: „Faschis­mus ist für mich, wenn ent­täuschte Lib­erale und ent­täuschte Sozial­is­ten sich zu etwas neuem zusam­men­find­en. Daraus entste­ht was man Kon­ser­v­a­tive Rev­o­lu­tion nen­nt.“ Der Beitrag Sorels für das Entste­hen der faschis­tis­chen Ide­olo­gie, der auch Mus­soli­ni stark bee­in­flusste, ist nicht von der Hand zu weisen. Die ital­ienis­chen Faschist*innen grif­f­en Sorels Lehre von der Mobil­isierungs­fähigkeit sozialer Mythen für Bewe­gun­gen auf. Sorel erset­zte das Pro­le­tari­at durch den Mythos der Nation und betra­chtete die Gewalt als wichtig­stes poli­tis­ches Mit­tel um die Schei­dung zwis­chen Fre­und und Feind zu inten­sivieren, dessen äußer­ste Kon­se­quenz der Krieg darstellt.

Faschismus oder Nationalsozialismus?

Inwiefern der deutsche Nation­al­sozial­is­mus mit dem Begriff des Faschis­mus zu fassen ist, ist nicht so ein­fach zu beant­worten. Die Bezüge auf die faschis­tis­che Ide­olo­gie, die der Nation­al­sozial­is­mus vor­weist, ist nicht von der Hand zu weisen – von der Über­nahme des Begriffs „Duce“, also Führer, dem faschis­tis­chen Gruß bis zu vielfachen ide­ol­o­gis­chen Übere­in­stim­mungen. Den­noch verblassen hin­ter dem Spez­i­fikum des Nation­al­sozial­is­mus, dem indus­triell betriebe­nen, mil­lio­nen­fachen Massen­mord am europäis­chen Juden­tum, die Gemein­samkeit­en. Zudem kon­nte der Nation­al­sozial­is­mus sich viel mehr von den Eliten lösen, die ihn zur Macht ver­holfen haben, als es dem ital­ienis­chen Faschis­mus möglich war — unter anderem ein Grund für die ide­ol­o­gis­che Eskala­tion und dem sukzes­siv­en Ver­fall des Staates in Nazideutsch­land. Vor allem die Shoah, welche staatlich betrieben und akribisch-bürokratisch umge­set­zt wurde, kann und muss als Alle­in­stel­lungsmerk­mal des Nation­al­sozial­is­mus im Ver­gle­ich zu anderen faschis­tis­chen Reg­i­men gelten.

Moderner oder anti-moderner Faschismus?

Die Frage, ob der Faschis­mus eine mod­erne Bewe­gung ist, ob er als Betrieb­sun­fall zu gel­ten habe oder inner­ste Kon­se­quenz des Kap­i­tal­is­mus mit samt seinen Ver­w­er­fun­gen darstellt, ob er eine Form der Krisen­lö­sung oder nur eine andere Form kap­i­tal­is­tis­ch­er Herrschaft darstellt oder doch etwas mit der bürg­er­lichen Gesellschaft Unver­gle­ich­bares, kann so nicht ein­deutig beant­wortet wer­den. Da der Faschis­mus eine zutief­st wider­sprüch­liche Ide­olo­gie ist, muss auch eine Analyse diese Wider­sprüche aushal­ten. Der Faschis­mus hat­te dur­chaus Mod­ernisierungs­be­stre­bun­gen, war jedoch ide­ol­o­gisch gegen die Mod­erne gerichtet, er gab sich antibürg­er­lich und rev­o­lu­tionär und sicherte den­noch den Machter­halt der herrschen­den Eliten. Deshalb muss vor ein­er falschen Verein­deu­ti­gung in die eine oder andere Rich­tung gewarnt und vor allem das ide­ol­o­gis­che Selb­st­bild des Faschis­mus ernst genom­men und nicht als Rattenfänger*innenstrategie abge­tan wer­den, denn son­st lei­det die Analyse darunter. Und damit auch die gegen den Faschis­mus gerichtete Praxis.

(Neo-)faschismus heute

Vor der Ver­wen­dung des Faschis­mus- und Neo­faschis­mus­be­griffs, sollte dieser nicht genau bes­timmt sein, ist bei der Beschrei­bung heutiger Phänomene zu war­nen. Da die gängi­gen Faschis­mus­the­o­rien ent­lang der his­torischen Erschei­n­ungs­for­men entwick­elt wur­den, beste­ht so die Gefahr von falsch­er his­torisch­er Anal­o­gisierung bei der Unter­suchung mod­ern­er recht­sex­tremer Phänomene. Die Diskon­ti­nu­itäten zu den his­torischen Erschei­n­ungs­for­men wer­den mit der Zeit größer und das macht den Begriff unscharf. „Jede selek­tive Konzen­tra­tion auf die his­torischen Faschis­men erschw­ert nicht nur den Blick auf Bre­ite und Tiefe jenes Tra­di­tion­sspek­trums, aus dem aktuelle recht­sex­treme Inno­va­tions­be­mühun­gen derzeit wichtige Impulse beziehen. Sie behin­dert auch die Wahrnehmung der Tat­sache, dass sich mod­erne Grup­pierun­gen vor allem mit­tels Inte­gra­tion neuer Ele­mente zunehmend von faschis­tis­chen Über­liefer­un­gen zu ent­fer­nen suchen.“ Denn über den aktuellen Erfolg recht­sex­tremer Grup­pen (auch hin­sichtlich ihrer Bre­it­en­wirk­samkeit) entschei­det, „in welchem Aus­maß es gelingt, das so sehr lädierende Ver­gan­gene zu ‚bewälti­gen’, sich aus per­son­ellen wie pro­gram­ma­tis­chen Kon­ti­nu­itäten mit dem his­torischen Faschis­mus behut­sam zu lösen und – bei glaub­hafter Sig­nal­isierung hier­durch unbeschädigt gebliebe­nen Tra­di­tions­bezugs – die unumgänglich geforderte Anpas­sun­gen an die geän­derten indus­triege­sellschaftlichen Rah­menbe­din­gun­gen voranzubrin­gen“, schreibt Willibald Holz­er im „Hand­buch des öster­re­ichis­chen Rechtsextremismus“.

Den­noch lassen sich auch heute noch recht­sex­treme Grup­pen als faschis­tisch oder neo­faschis­tisch klas­si­fizieren, wenn sich diese in einem großen Aus­maß und mit hoher Authen­tiz­ität auf den Faschis­mus beziehen. Um eine solche Einord­nung tre­f­fen zu kön­nen, ist jedoch eine Begriffs­bes­tim­mung und ana­lytis­che Durch­dringung des (his­torischen) Faschis­mus vonnöten.

Zum Autor: Alexan­der Win­kler ist Poli­tik­wis­senschafter und arbeit­et zu Recht­sex­trem­is­mus und Gesellschaftskritik.

Weiterführende Literaturtipps:

  • Adorno, Theodor W. (1995): Stu­di­en zum autoritären Charak­ter. Suhrkamp, Frank­furt am Main.
  • Fromm, Erich (2005): Die Furcht vor der Frei­heit. Aus dem Englis­chen von Liselotte und Ernst Mick­el, 12. Auflage, München.
  • Löwen­thal, Leo (1982): Falsche Propheten. In: Stu­di­en zum Autori­taris­mus. Frank­furt am Main: Suhrkamp, S. 11–160
  • Neu­mann, Franz (1984): Behe­moth. Struk­tur und Prax­is des Nation­al­sozial­is­mus. Fis­ch­er, Frankfurt.
  • Pos­tone, Moishe (1995): Anti­semitismus und Nation­al­sozial­is­mus. In: Deutsch­land, die Linke und der Nation­al­sozial­is­mus. Poli­tis­che Inter­ven­tio­nen. ça ira, Freiburg. S. 165 – 194.
  • Reich, Will­helm (1933): Die Massenpsy­cholo­gie des Faschis­mus. Erweit­erte und rev­i­dierte Fas­sung: Kiepen­heuer & Witsch, Köln 1971
  • Stern­hell, Zeev / Szna­jder, Mario / Ash­eri, Maia (1999): Die Entste­hung der faschis­tis­chen Ide­olo­gie. Von Sorel zu Mus­soli­ni. Ham­burg­er Edi­tion, Hamburg.
  • Stern­hell, Zeev (2002): Faschis­tis­che Ide­olo­gie. Eine Ein­führung. Ver­brech­er Ver­lag, Berlin.
  • Theweleit, Klaus (2005): Män­ner­phan­tasien, 2 Bände, München/Zürich.
  • Wip­per­mann, Wolf­gang (2009): Faschis­mus. Eine Welt­geschichte vom 19. Jahrhun­dert bis heute. Prius Ver­lag, Darmstadt.
  • In Kürze erhältlich: Wörsching, Math­ias (2017): Faschis­mus­the­o­rien. Ihre Geschichte, ihre Aktu­al­ität. Schmetter­ling Ver­lag, Stuttgart.