Burschenschaftliche Abgründe

Es sind Abgrün­de, die sich da rund um eine pen­na­le Bur­schen­schaft in Wien auf­tun. Lie­der­bü­cher mit wider­wär­ti­gen Tex­ten, die dort und da her­um­lie­gen, sind eine Sache, einen „Bun­des­bru­der“ zu decken, der mut­maß­lich ein Kind miss­braucht hat, ist noch­mals eine ande­re. Den­noch zie­hen sich logi­sche Lini­en von den Tex­ten der Bur­schen­lie­der bis zur Nibe­lun­gen­treue eines Män­ner­bun­des. Ein Kommentar.

Vor­ne­weg: Hier geht’s nicht dar­um, die Jus­tiz zu erset­zen und ein Urteil zu spre­chen. Aber allei­ne der Vor­wurf, dass ein Bur­schen­schaf­ter sei­ne sie­ben­jäh­ri­ge Schwes­ter miss­braucht haben soll, wiegt der­ma­ßen schwer, dass die Ver­bin­dung schon bei Kennt­nis des blo­ßen Ver­dachts reagie­ren hät­te müs­sen. Immer­hin wur­de der Vor­fall vom Lebens­ge­fähr­ten der Betrof­fe­nen, bis dort­hin selbst Ange­hö­ri­ger der besag­ten Ver­bin­dung, in einer Ver­samm­lung vor­ge­tra­gen. Da greift die ansons­ten blitz­ar­tig vor­ge­brach­te Aus­re­de des „Anpat­zens“ von außen nicht mehr. Auch nicht, mann hät­te davon nichts gewusst.

Dass hier nichts getan wur­de, dass, wie „Der Stan­dard“ nach Berich­ten des Lebens­ge­fähr­ten schreibt, die betrof­fe­ne Frau, das Opfer sogar noch ver­höhnt wur­de, dass der Beschul­dig­te Jugend­li­che der Bur­schen­schaft wei­ter betreut und Vor­stands­mit­glied blei­ben konn­te, mutet schlicht­weg atem­be­rau­bend an. Es zeigt, so die Vor­wür­fe auch nur eini­ger­ma­ßen stim­men, nicht nur die mora­li­sche Ver­kom­men­heit der Betei­lig­ten, son­dern legt zugleich viel von der struk­tu­rel­len Ver­fasst­heit die­ser Kor­po­ra­ti­on, aber gleich­zei­tig auch ande­rer Män­ner­bün­de offen.

Die lebens­lan­ge Treue der Ver­bin­dungs­brü­der unter­ein­an­der wird von allen Bur­schen­schaf­ten beschwo­ren. Es ist eine Nibe­lun­gen­treue, die im vor­lie­gen­den Fall der Wie­ner Kor­po­ra­ti­on bis zur Uner­träg­lich­keit reicht. Mit Blick dar­auf, dass es sich um eine pen­na­le Bur­schen­schaft, also eine Schü­ler­ver­bin­dung, han­delt, in der 14- bis 18-Jäh­ri­ge nach aus der Zeit gefal­le­nen männ­lich­keits­do­mi­nier­ten Prin­zi­pi­en geprägt wer­den, ver­schärft sich der Befund noch­mals: Wir sind mit einer abge­schirm­ten, oft rechts­extrem aus­ge­rich­te­ten Par­al­lel­ge­sell­schaft kon­fron­tiert, in der sich Jugend­li­che einer strik­ten Law-and-Order-Erzie­hung zu unter­wer­fen haben.

Das Lie­der­buch, das die Gra­zer Che­rus­ken Wolf­gang Zan­ger und sei­ner pen­na­len Knit­tel­fel­der Ver­bin­dung ver­macht haben, trieft vor Frau­en­feind­lich­keit und Sexis­mus. Noch mehr: Es stellt „Polen­mäd­chen“ und „Juden­schick­sen“ in eine Rei­he mit „Stu­ten“, die mann – lei­der? – nicht „bestei­gen“ dür­fe. Das ist vor dem Hin­ter­grund unzäh­li­ger Ver­ge­wal­ti­gun­gen von als „min­der­wer­tig“ defi­nier­ten Frau­en wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus ein­zu­ord­nen. Der Knit­tel­feld-Bun­des­bru­der Andre­as Möl­zer will uns die Samm­lung als „Scherz­lie­der“ ver­kau­fen. Das Lachen bleibt uns dabei im Hal­se ste­cken. Erst recht, wenn wir nun zur Wie­ner Bur­schen­schaft bli­cken und uns vor­stel­len, wie im Bier­dunst sol­che Lie­der zum Bes­ten gege­ben werden.

Ausschnitte aus dem Liederbuch der Austria Knittelfeld (Kronen Zeitung, 1.11.19)

Aus­schnit­te aus dem Lie­der­buch der Aus­tria Knit­tel­feld (Kro­nen Zei­tung, 1.11.19)

Wer nun glaubt, es sei nicht zuläs­sig, von der betrof­fe­nen Ver­bin­dung auf ande­re zu schlie­ßen, irrt, denn die ideo­lo­gi­schen Lini­en, die Frau­en­ver­ach­tung rei­chen unüber­seh­bar von der Gra­zer und Knit­tel­fel­der Bude bis zu jener in Wien.

Ende Sep­tem­ber ver­an­stal­te­te die Dach­or­ga­ni­sa­ti­on der pen­na­len Ver­bin­dun­gen, der Öster­rei­chi­sche Pen­nä­ler Ring (ÖPR), ihren jähr­lich statt­fin­den­den Bur­schen­tag in Gmun­den. In schwüls­ti­gen Wort­mel­dun­gen schwärm­ten etwa die FPÖ-Poli­ti­ker Man­fred Haim­buch­ner und Wal­ter Rosen­kranz, wie sehr man sich der Tra­di­ti­on ver­pflich­tet füh­le und dass es die Jugend wert sei, wenn sich die „Alten Her­ren um sie küm­mern. Wie sich die Tra­di­ti­on dann in der Pra­xis aus­ge­stal­ten kann, erle­ben wir aktu­ell über die Lie­der­buch-Affä­ren bis zum ges­tern bekannt gewor­de­nen Fall der Wie­ner Korporation.

Die ist gera­de bemüht, ihren mut­maß­li­chen Ver­tu­schungs­ver­such als Rand­er­eig­nis zu baga­tel­li­sie­ren. Die Kon­se­quenz kann nur in ihrer Auf­lö­sung lie­gen. Mit ihr soll­te sich auch eine Rei­he von ande­ren män­ner­bünd­le­ri­schen Ver­bin­dun­gen begraben.

Bernhard Weidinger (DÖW) über das Liederbuch des Corps Austria Knittelfeld: "Das zählt (…) tatsächlich mit zum Ekelhaftesten, was ich in den vielen Jahren meiner Beschäftigung mit rechtsextremen Texten lesen durfte oder musste."

Bern­hard Wei­din­ger (DÖW) über das Lie­der­buch des Corps Aus­tria Knit­tel­feld: „Das zählt (…) tat­säch­lich mit zum Ekel­haf­tes­ten, was ich in den vie­len Jah­ren mei­ner Beschäf­ti­gung mit rechts­extre­men Tex­ten lesen durf­te oder musste.”

➡️ Der Stan­dard: Eige­ne Schwes­ter wirft Bur­schen­schaf­ter pädo­phi­len Miss­brauch vor
➡️ Pres­se­aus­sendung Ewa Ernst-Dzied­zic (Die Grünen)