Wochenschau KW 20/19 (Teil 2)

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Im zwei­ten Teil unse­rer Rück­schau auf die letz­te Woche resü­mie­ren wir Berich­te und Ereig­nis­se, die im Zuge von Ibi­za-Gate völ­lig in den Hin­ter­grund gerückt sind. Das betrifft dubio­se Vor­gän­ge rund um die Haus­durch­su­chung bei Mar­tin Sell­ner, das Schwan­ken und Wan­ken der Lin­zer SPÖ und der ober­ös­ter­rei­chi­schen ÖVP rund um die Ver­bin­dun­gen zwi­schen Iden­ti­tä­ren und der FPÖ. Der Maler Wie­sin­ger war schnel­ler wie­der aus dem Kul­tur­bei­rat weg, wie er ver­mut­lich schau­en konn­te, was ein Inter­view mit dem „pro­fil“ beschleu­nigt haben durf­te. Zuletzt: Unzu­frie­den­hei­ten in der Vor­arl­ber­ger FPÖ führ­ten zu einer Rei­he Parteiaustritten.

Wien/Oberösterreich: Sell­ner-Mails, Sell­ner-Haus­durch­su­chung und ober­ös­ter­rei­chi­sches Schwanken
Ober­ös­ter­reich: Wie­sin­ger da, Wie­sin­ger weg
Vor­arl­berg: blaue Orts­grup­pen lösen sich auf
Seekirchen/Wallersee: dubio­se Wein­berg­schu­le geschlossen

Wien/Oberösterreich: Iden­ti­tä­re

Bevor Ibi­za kam, erreg­ten noch Mel­dun­gen zu den Iden­ti­tä­ren eini­ger­ma­ßen Auf­se­hen. Da wur­den Details zur Haus­durch­su­chung bei Mar­tin Sell­ner bekannt und sein Mail-Ver­kehr mit dem Atten­tä­ter von Christ­church, der doch weit mehr umfass­te als eine kur­ze, for­ma­le Dan­kes­ant­wort, wie Sell­ner ursprüng­lich behaup­tet hat­te. Nach dem Ein­tref­fen der Spen­de hat­te Sell­ner sich tat­säch­lich ein­mal bedankt:

‚Ich möch­te dir per­sön­lich für dei­ne unglaub­li­che Spen­de dan­ken‘, schrieb Sell­ner. Er sei ‚wirk­lich über­rascht und begeis­tert’. ‚Das hier ist mei­ne per­sön­li­che E‑Mail-Adres­se – kon­tak­tie­re mich jeder­zeit, wenn du willst‘, so Sellner.Daraus ent­wi­ckelt sich ein kur­zer E‑Mail-Ver­lauf zwi­schen Sell­ner und dem mut­maß­li­chen Rechts­ter­ro­ris­ten T. (…) T.s Wor­te, so schreibt Sell­ner zurück, gäben ihm ‚wirk­lich Ener­gie und Moti­va­ti­on‘. ‚Wenn du je nach Wien kommst, müs­sen wir auf einen Kaf­fee oder ein Bier gehen.‘ Die Ein­la­dung wird erwi­dert. ‚Das gilt auch für dich, wenn du je Aus­tra­li­en oder Neu­see­land besuchst‘, ant­wor­tet T. dem Wie­ner Rechts­extre­mis­ten. Fakt ist, dass T. in den Mona­ten dar­auf meh­re­re Tage in Öster­reich ver­bringt – und einen Tag nach dem letz­ten E‑Mail Kon­takt zwi­schen Sell­ner, T. ‚und ande­ren‘ online ein Miet­au­to in Öster­reich reser­viert. (derstandard.at, 14.5.19)

Kurz dar­auf wur­de dann noch erstaun­li­che Details zur Haus­durch­su­chung bei Sell­ner bekannt. Dem­nach traf die Poli­zei um 13 Uhr bei Sell­ner Woh­nung ein, klopf­te eini­ge Zeit an sei­ne Wohnungstüre.

„Danach wur­de ‚mehr­mals an die Woh­nungs­tür geklopft‘. Obwohl zu die­sem Zeit­punkt ‚ver­meint­li­che [sic!] Geräu­sche aus dem Woh­nungs­in­ne­ren ver­nom­men wer­den’ konn­ten, ergrif­fen die Poli­zis­ten kei­ne Maß­nah­men. Sie war­ten gan­ze zwölf Minu­ten, bevor ihnen ‚nach beharr­li­chem Klop­fen und dem ver­ba­len Ersu­chen um Öff­nung der Woh­nungs­tür‘ die­se von Sell­ner geöff­net wur­de. Ein mit Poli­zei­vor­gän­gen ver­trau­ter Exper­te bezeich­net die­se War­te­zeit als ein Vor­ge­hen, das ‚gegen jeg­li­che tak­ti­sche Gebo­te’ ver­stößt – gera­de weil Sell­ner für das BVT als mut­maß­li­cher ‚Teil eines inter­na­tio­nal agie­ren­den rechts­extre­men Netz­werks‘ gilt, der Geld von einem Ter­ro­ris­ten erhal­ten hat.“ (derstandard.at, 16.5.19)

Dass Sell­ner knapp davor noch sei­nen Mail­ver­kehr mit dem spä­te­ren Atten­tä­ter lösch­te und das unge­wöhn­li­che Vor­ge­hen der Poli­zei bei der Raz­zia nähr­ten die Ver­mu­tung, dass Sell­ner vor­ge­warnt wor­den war, es also ein Leck im Innen­mi­nis­te­ri­um gege­ben hat­te. Es wird eine der vie­len Din­ge sein, die nach dem Abgang von Kickl im Innen­mi­nis­te­ri­um zu klä­ren sein werden.

In Ober­ös­ter­reich hat­ten der Lin­zer SPÖ-Bür­ger­meis­ter und der ÖVP-Lan­des­haupt­mann ihre Koope­ra­tio­nen mit der FPÖ vor dem Ibi­za-Gate ein­ze­men­tiert. Die tie­fe Ver­stri­ckung gera­de der FPÖ-Ober­ös­ter­reich zu den Iden­ti­tä­ren, deren Kon­se­quen­zen über­schau­bar blie­ben, waren kei­ne gewich­ti­gen Grün­de, um das Arbeits­über­ein­kom­men in Linz und die Regie­rung auf Lan­des­ebe­ne zu lösen. Erst das Stra­che-Gude­nus-Video und die bevor­ste­hen­de Natio­nal­rats­wahl zwan­gen Luger in Linz zu han­deln, um die SPÖ nicht noch mehr in die Bre­douil­le zu brin­gen. Der Abgang des poli­tisch schwer ange­schla­gen Rechts­au­ßen-Lan­des­rats Pod­gor­schek eröff­ne­te für LH Stel­zer die Chan­ce, an der Koali­ti­on fest­zu­hal­ten. Und damit sind wir gleich beim nächs­ten The­ma, Odin sei Dank!

Ober­ös­ter­reich: Wie­sin­ger da, Wie­sin­ger weg

Am Mon­tag, 13.5. war allen War­nun­gen und Pro­tes­ten zum Trotz der FPÖ-Pin­sel­schwin­ger Man­fred „Odin“ Wie­sin­ger in den ober­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­kul­tur­bei­rat gewählt wor­den. Für sei­ne Auf­nah­me stimm­te auch die ÖVP.

Der aus Puchen­au stam­men­de Autor Tho­mas Baum, seit fast acht Jah­ren Mit­glied im Kul­tur­bei­rat, hat auf Face­book sei­nen sofor­ti­gen Rück­tritt bekannt gege­ben. Mit Wie­sin­gers Bestel­lung set­ze sich ‚auch in die­sem hoch­ka­rä­tig besetz­ten Gre­mi­um die besorg­nis­er­re­gen­de Unkul­tur der dau­ern­den und mas­si­ven Über­schrei­tun­gen einer roten Linie fort‘, so der Kri­mi-Autor. Der Ruf des Lan­des­kul­tur­bei­rats wer­de damit nicht nur aufs Spiel gesetzt, son­dern nach­hal­tig beschä­digt. (nachrichten.at, 14.5.19)

Wie­sin­ger star­te­te ganz in blau­er Opfer­ma­nier einen Rund­um­schlag gegen Kri­ti­ke­rIn­nen sei­ner Bestel­lung, näm­lich an „all die vom Hass Zer­fres­se­nen, die Denun­zi­an­ten und selbst­er­nann­ten Moral­apos­tel, an die Inqui­si­to­ren, an die Unter­drü­cker der Mei­nungs­frei­heit, an all die Selbst­ge­rech­ten, Berufs­be­trof­fe­nen und ansons­ten Tole­ranz­be­sof­fe­nen, an die Heuch­ler und an die ideo­lo­gisch Ver­derb­ten, etc. … und an die grü­nen und roten Het­zer: … ihr seid wider­lich mit eurer Men­schen­jagd auf mich!“ (zit. nach nachrichten.at)

Ein Inter­view mit dem „pro­fil“ und wohl auch die Aus­schlä­ge der Ibi­za-Affä­re brach­ten sein jähes Ende im Kul­tur­bei­rat, Lan­des­haupt­mann Stel­zer muss­te reagie­ren. „Was Wie­sin­gers Mit­ar­beit bei der im Vor­jahr ein­ge­stell­ten FPÖ-Pos­til­le Aula’ betrifft, in der KZ-Häft­lin­ge als Land­pla­ge‘ bezeich­net wur­den, resü­miert der erklär­te Lieb­lings­ma­ler von Ver­kehrs­mi­nis­ter Nor­bert Hofer (FPÖ):

‚Nur fei­ne Men­schen, ange­neh­me Zeit­ge­nos­sen waren da sicher nicht dar­un­ter. Die­se Herr­schaf­ten’ hät­te bereits der dama­li­ge Lan­des­haupt­mann­stell­ver­tre­ter in den 1960er-Jah­ren in sei­nen Memoi­ren so bezeich­net. Zum Vor­wurf der ‚Nähe zu NS-Ideo­lo­gien’ ent­geg­net Wie­sin­ger, dass ihm ‚Sozia­lis­mus in sei­ner Gesamt­heit – der natio­na­le wie inter­na­tio­na­le – nicht behagt. Ich sehe bei­des als Völ­ker­ge­fäng­nis an’. Er leh­ne den Sozia­lis­mus jeder Aus­prä­gung ab: ‚Ver­bre­che­risch in ihren Aus­wir­kun­gen waren bei­de, Natio­nal­so­zia­lis­mus wie Sozia­lis­mus. Das muss man ohne ideo­lo­gi­sche Scheu­klap­pen sagen dür­fen.’ Bei der Fra­ge nach der ‚Aus­sch­witz­lü­ge’ ent­geg­net der Maler: ‚Das ist bis heu­te nicht mein Res­sort. Außer­dem gibt es auch immer wie­der neue Erkennt­nis­se dar­über.’“ (profil.at, 18.5.19)

Die „neu­en Erkennt­nis­se“ des Man­fred Wie­sin­ger hät­ten uns doch inter­es­siert, die wird er uns jedoch so schnell nicht mit­tei­len, denn am Wochen­en­de erfolg­te sein Rück­zug: „Odin Wie­sin­ger tritt den Pos­ten des ober­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­kul­tur­bei­rats nicht an. Das teil­te die ober­ös­ter­rei­chi­sche FPÖ in einer Pres­se­aus­sendung mit. Die getä­tig­ten Aus­sa­gen Wie­sin­gers zu ‚KZ-Häft­lin­gen‘ bezeich­ne­te sie als ‚unglück­li­che oder miss­ver­ständ­li­che Äuße­run­gen‘.“ (kurier.at, 18.5.19) Ja, Unglück und Miss­ver­ständ­nis­se – zuwei­len auch „bsof­fe­ne Geschich­ten“ – pflas­tern den Weg der FPÖ.

Vor­arl­berg: blaue Orts­grup­pen lösen sich auf

Noch bevor das Deba­kel­wo­chen­en­de für die FPÖ da war, wir­bel­te es schon in Vor­arl­berg. Am 16.5. wur­de bekannt, dass die Orts­grup­pe Göt­zis eini­ge Abgän­ge zu ver­zeich­nen hat­te, dar­un­ter den bis­he­ri­gen Orts­par­tei­ob­mann und blau­en Bun­des­rat Chris­tioph Läng­le. Der Bun­des­rat wird nun als wil­der Abge­ord­ne­ter in Wien wei­ter­wer­ken. Am Tag danach zu Mit­tag kam Nach­richt aus der nächs­ten Ortsgruppe:

Die FPÖ-Orts­grup­pe Lorüns gibt am Frei­tag­mit­tag in einer Pres­se­aus­sendung den Aus­tritt aus der Frei­heit­li­chen Par­tei Vor­arl­berg bekannt. Auch für die Land­tags­wahl 2019 ste­he man nicht mehr zur Ver­fü­gung, heißt es in der Aus­sendung. Die FPÖ ent­wick­le sich in eine Rich­tung, die für die Orts­grup­pe nicht mehr trag­bar sei. Auch in ande­ren Orts­grup­pen herrscht Unzu­frie­den­heit mit der Par­tei­lei­tung. So war etwa dem Gemein­de­rat in Mei­nin­gen (Bezirk Feld­kirch) das Rat­ten­ge­dicht ‚ein Zufall zu viel‘. (vol.at, 17.5.19)

Die Orts­grup­pe Lorüns wur­de jedoch weni­ge Stun­den spä­ter wie­der auf blau­en Kurs gebracht und trat von ihrem Aus­tritt zurück. „Lan­des­ge­schäfts­füh­rer Chris­ti­an Kli­en bestä­tig­te, es habe Miss­ver­ständ­nis­se gege­ben, die­se sei­en aber nun aus­ge­räumt.“ (vol.at, 17.5.19). Also wie­der ein­mal ein Missverständnis …

Seekirchen/Wallersee: Dubio­se Wein­berg­schu­le geschlossen

Die Ange­le­gen­heit hat sich über Jah­re hin­weg­ge­zo­gen, reagiert hat das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um aller­dings erst in der letz­ten Woche. Wir haben in ande­ren Bei­trä­gen bereits auf den ideo­lo­gisch rechts­extre­men Back­ground der sek­ten­ar­tig geführ­ten Wein­berg­schu­le der „Werk­tä­ti­gen Chris­ten“ hin­ge­wie­sen. Eine ORF-Doku aus 2017, ein Bericht der Kin­der- und Jugend­an­walt­schaft, Inter­ven­tio­nen der Jugend­wohl­fahrt, Bemü­hun­gen der Grü­nen im Land Salz­burg und auf Bun­des­ebe­ne hat­ten zwar Unter­su­chun­gen zur Fol­ge, das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um konn­te sich den­noch nicht dazu durch­rin­gen, die Schlie­ßung der Schu­le, die das Öffent­lich­keits­recht besaß, zu veranlassen.

ORF-Doku "Am Schauplatz" zur Weinbergschule

ORF-Doku „Am Schau­platz” zur Weinbergschule

Was nun das reich­lich ver­spä­te­te Han­deln des Minis­te­ri­ums aus­ge­löst hat, wur­de offen­bar nicht bekannt gegeben.

Argu­men­tiert wur­de der Ent­zug des Rechts auf die Schul­füh­rung nun mit zahl­rei­chen ‚schwer­wie­gen­den Grün­den‘. So wird nicht nur die prak­ti­zier­te Unter­richts­me­tho­de infra­ge gestellt, die Behör­de sah sich offen­bar auch aus Sor­ge um das Kin­des­wohl zum Han­deln gezwun­gen. Zudem wur­den nicht geneh­mig­te Räu­me als Unter­richts­zim­mer benutzt. (APA via salzburg24.at, 17.5.19)