Beharrliche Bilder — Bildsprache und Neonazismus-/Rechtsextremismusprävention — Teil 2

Teil 2 von 3 der Analyse von Andreas Hech­ler* „Behar­rliche Bilder — Bild­sprache und Neon­azis­mus-/Recht­sex­trem­is­mus­präven­tion”. Teil 1 erschien gestern und ist hier nachzule­sen: Link Teil 1.

Teil II: Funk­tio­nen des Täter_innenfokus und eingeschränk­ter Bilderwelten
An die Prob­lem­beschrei­bung anknüpfend stellt sich die Frage, wieso das so ist: Wieso set­zen sich bes­timmte Bilder durch und andere nicht?

Wenn man* davon aus­ge­ht, dass die meis­ten Men­schen der Ansicht sind, ‚echte‘ Recht­sex­treme nicht zu ken­nen, kön­nen Bilder von Recht­sex­tremen einen Ein­druck direk­ter Anschaulichkeit ver­mit­teln: ‚So sind sie, so sehen Recht­sex­treme aus!‘ Auf­gabe der Bilder wäre es dem­nach, etwas sicht­bar zu machen, was sich dem ‚nor­mal­sterblichen‘ Auge entzieht. Diesem kon­ven­tionellen Bild­ver­ständ­nis zufolge gibt es eine Übere­in­stim­mung von Bild und Realität.

Bilder sind aber keine ein­fachen Spiegelun­gen von Real­ität, son­dern Abbil­dun­gen ein­er ganz bes­timmten Real­ität. Es gibt einen Unter­schied zwis­chen dem repräsen­ta­tiv­en Charak­ter von Bildern und der Sache, auf die sie ver­weisen (sollen). Es ist ‚nur‘ ein Bild von Recht­sex­tremen, und zwar ein ganz bes­timmtes, es sind nicht die Recht­sex­tremen selb­st, geschweige denn der Recht­sex­trem­is­mus als gesellschaft­spoli­tis­ches Phänomen.

Copyright: Udi Nir/Sagi Bornstein

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Um nachvol­lziehen zu kön­nen, wie kul­turelle und indi­vidu­elle Bildgedächt­nisse (mit-)konstruiert wer­den, ist es rel­e­vant, sich medi­ale Kanon­isierung­sprozesse zu verge­gen­wär­ti­gen. Uwe Pörk­sen spricht bei der­ar­ti­gen stan­dar­d­isierten visuellen Zugrif­f­en auf die Welt von „Visio­typen“, die durch eine ganz bes­timmte Lesart in ihrer Bedeu­tung fest­gelegt sind: „Ich gebrauche das Wort ‚Visio­typ‘ par­al­lel zu ‚Stereo­typ‘ und meine zunächst diesen all­ge­mein zu beobach­t­en­den, durch die Entwick­lung der Infor­ma­tion­stech­nik begün­stigten Typus sich rasch stan­dar­d­isieren­der Visu­al­isierung. Es ist eine durchge­set­zte Form der Wahrnehmung und Darstel­lung, des Zugriffs auf ‚die Wirk­lichkeit‘“ (Pörk­sen 1997, 27). Visio­type sind Resul­tate ein­er bes­timmten Per­spek­tive, sie vere­in­heitlichen Vielfalt, reduzieren Kom­plex­ität, fol­gen einem homogenisieren­dem Blick und haben eine ein­fache und klare Botschaft. Ihre Bedeu­tung ist eine durch kon­stan­ten Gebrauch sich ein­spie­lende Übereinkun­ft, die, ein­mal durchge­set­zt und kanon­isiert, ein gewiss­es Eigen­leben führt und eine andere Lesart weitest­ge­hend unmöglich macht (ebd.: 164‒168).

Der recht­sex­treme Skin­head kann meines Eracht­ens als ein solch­es Visio­typ beze­ich­net wer­den. Es ist ein Visio­typ, das das Real­itäts­bild viel­er Men­schen darin bee­in­flusst, wie sie ‚Recht­sex­treme‘ und ‚Recht­sex­trem­is­mus‘ wahrnehmen: als jung, arm, dumm, hyper­maskulin, über alle Maßen gewalt­tätig, aus ein­er sozial zer­rüt­teten Fam­i­lie und ganz über­wiegend aus Bren­npunk­t­ge­bi­eten stam­mend. Wer dem nicht entspricht, fällt ten­den­ziell durch das Raster ‚Recht­sex­tremer‘. Das kann dazu führen, dass Skin­heads auf der Straße oder im Jugend­club automa­tisch mit Recht­sex­tremen in Verbindung gebracht wer­den, während Recht­sex­treme, die beim Fam­i­lien­tr­e­f­fen am gle­ichen Tisch sitzen, nicht als Recht­sex­treme wahrgenom­men wer­den. Es kann auch dazu führen, dass sich Jugendliche und Erwach­sene mit extrem recht­en Ein­stel­lungsmustern selb­st über­haupt nicht mit Recht­sex­trem­is­mus in Verbindung brin­gen. Das Visio­typ des recht­sex­tremen Skin­heads bee­in­flusst auch poli­tis­ches Han­deln, was u. a. an den regionalen, nationalen und EU-weit­en Pro­gram­men gegen Rechts mit ihrem starken Fokus auf Gewalthandeln und Jugendlichkeit, ihrer Del­e­ga­tion an die Päd­a­gogik und ein­er Unter­be­lich­tung von Ein­stel­lun­gen ein­er­seits und alltäglichen Mikro­prozessen der Aus­gren­zung ander­er­seits, abzule­sen ist (Blome / Man­the 2014; Burschel et. Al. 2013; Stützel 2013).

Funk­tionale Bilder
Pörk­sen (1997, 167) führt aus, dass sich die Norm auf der Ebene des Gebrauchs durch­set­zt und die Vorherrschaft über andere Vari­anten erlangt. Dies erk­lärt aber noch nicht, warum es ger­ade diese und nicht jene Norm ist, die sich durch­set­zt. Wieso gab und gibt es nach wie vor das Skin­head­bild von Recht­sex­tremen und wieso kom­men in der Beschäf­ti­gung mit dem The­ma Opfer/Diskriminierte und Alter­na­tiv­en so wenig vor? Welche Funk­tio­nen erfüllt dieses eingeschränk­te Bild?

Ich denke, dass die zen­trale Funk­tion sowohl des Täter_innenfokus als auch eingeschränk­ter recht­sex­tremer Bilder­wel­ten die Bestä­ti­gung des Sta­tus quo und die Abwehr ein­er tief­greifend­en und ern­sthaften Auseinan­der­set­zung mit Recht­sex­trem­is­mus und Ide­olo­gien der Ungle­ich­heit ist. Auf mögliche daran geknüpfte Funk­tio­nen gehe ich im Fol­gen­den ein.

Mögliche Funk­tio­nen des Täter_innenfokus: Begün­s­ti­gung von Herrschaft
Wenn Opfer/Diskriminierte von Recht­sex­tremen ange­grif­f­en wer­den, brauchen sie über einen lan­gen Zeitraum jede nur denkbare Unter­stützung. Sie lei­den und das scheint oft lang­weilig und unat­trak­tiv zu sein. Die Fasz­i­na­tion des Bösen/der Recht­sex­tremen und ihrer Macht ist oft größer. Die Ver­weigerung von Empathie und Unter­stützung kann Aus­druck eines sim­plen Bedürfniss­es nach Ruhe sein. Es kann auch die Abwehr ein­er Angst sein, selb­st in eine Posi­tion großer Ohn­macht und einen Opfer­sta­tus zu geraten.
Die Wahrnehmung von Opfern/Diskriminierten und ihrer Bedürfnisse erfordert die Anerken­nung staatlich und gesellschaftlich pro­duziert­er Ungle­ich­heitsver­hält­nisse. Das fängt bere­its mit dem Umstand an, dass man* sich mit Recht­sex­trem­is­mus nicht beschäfti­gen muss, wenn man* nicht unmit­tel­bar bedro­ht ist, Angsträume bleiben für Priv­i­legierte oft unsicht­bar (Ensinger / Kaletsch 2013, 30). Eben­so gelangt man* beim Nach­denken über Alter­na­tiv­en zum Recht­sex­trem­is­mus schnell an die Gren­zen des Beste­hen­den. In bei­den Fällen müsste über Kap­i­tal­is­mus nachgedacht, über staatlichen Ras­sis­mus gesprochen, insti­tu­tion­al­isiert­er Sozial­dar­win­is­mus hin­ter­fragt, die kul­turelle Tradierung des Anti­semitismus unter­brochen und het­ero­nor­ma­tive Zweigeschlechtlichkeit kri­tisiert wer­den ‒ und das ist nur eine sehr unvoll­ständi­ge Aufzählung.

Bezo­gen auf die Recht­sex­trem­is­mus­präven­tion geht die Förderung der Arbeit mit ‚recht­sex­trem­istisch gefährde­ten Jugendlichen‘ zu Las­ten zivilge­sellschaftlich­er Struk­turen gegen Rechts (Lau­mann 2014). Flankierende Main­streamdiskurse der let­zten Jahre waren und sind u. a. Jun­gen als Bil­dungsver­lier­er, ‚Ras­sis­mus gegen Weiße‘ und nicht zulet­zt das Ein­schwören auf ‚Deradikalisierung‘, die Antifaschis­mus per se unter Ver­dacht stellt (‚Extrem­is­ten von links‘) und auf der extrem­is­mus­the­o­retis­chen Grun­dan­nahme ein­er unbe­lasteten ‚Mitte‘ basiert. Mit diesen Diskus­sio­nen wer­den recht­sex­treme Ide­olo­gieele­mente bestärkt sowie Opfer/Diskriminierte und Alter­na­tiv­en ver­drängt (Feustel 2014, 78f.).

Die Begün­s­ti­gung indi­vidu­eller, struk­tureller und diskur­siv-kul­tureller Herrschaft ist immer ein Plus für den Recht­sex­trem­is­mus und ein Minus für die Opfer/Diskriminierten und die Alter­na­tiv­en. Wenn zusät­zlich diejeni­gen, die den Recht­sex­trem­is­mus bekämpfen, als ‚link­sex­trem‘ dif­famiert wer­den und Opfern/Diskriminierten vorge­hal­ten wer­den kann, zur ‚falschen Zeit‘ am ‚falschen Ort‘ mit dem ‚falschen Ver­hal­ten‘ gewe­sen zu sein, muss sich mit ein­er Kri­tik am Täter_innenfokus nicht weit­er beschäftigt werden.

Copyright: Udi Nir/Sagi Bornstein

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Mögliche Funk­tio­nen eingeschränk­ter Bilder­wel­ten: Schaf­fung max­i­maler Distanz
Als Inbe­griff des Bösen haftet Recht­sex­tremen eine Aura des Teu­flis­chen an. Hier geht es um die Kon­struk­tion als ‚das Andere‘ und die Schaf­fung max­i­maler Dis­tanz durch Abscheu. Recht­sex­treme wer­den als klar zu umreißende Gruppe von ‚Extremist_innen‘ geze­ich­net, die von ‚den Demokrat­en‘ und ‚unser­er Gesellschaft‘ abge­gren­zt wer­den. Es geht um Grup­pendis­tink­tion und eine ein­deutige Schei­dung: Der Main­stream der Gesellschaft hat damit nichts zu tun. Je mar­gin­al­isiert­er und gescheit­ert­er Recht­sex­treme gezeigt wer­den, umso mehr kön­nen sich nationale Gesellschaften und die viel zitierte ‚europäis­che Wert­ge­mein­schaft‘ ihrer Selb­st­bilder ver­sich­ern und sich ‚von denen‘ abgrenzen.

Würde ein real­is­tis­cheres Bild von Recht­sex­tremen abge­bildet, würde diese schein­bar klare Tren­nung in fließende Übergänge dif­fundieren. ‚Die Mitte‘ oder ‚die Demokrat­en‘ oder ‚die Österreicher_innen/ Engländer_innen/ Italiener_innen/ Rumän_innen/ Pol_innen/ …‘ wären als Gegen­satz zu ‚den Recht­sex­tremen‘ nicht halt­bar, es gibt Über­schnei­dun­gen, Par­al­le­len, wech­sel­seit­ige Bezug­nah­men und Dynamiken. Die Träger_innen des Recht­sex­trem­is­mus sind Men­schen, aber der Recht­sex­trem­is­mus ist nicht nur eine per­son­al­isierte Angele­gen­heit, son­dern er ist kom­plex­er: Er ver­weist auf eine bes­timmte Gesellschaftsstruk­tur, indi­vidu­elle wie kollek­tive Denk­tra­di­tio­nen, den Stand der Pro­duk­tivkraften­twick­lung, gesellschaftliche Umgangsweisen mit Krisen­phänome­nen, insti­tu­tion­al­isierte Herrschaft und der­gle­ichen mehr. Nation­al­staat­en und Kap­i­tal­is­mus, um nur zwei zu nen­nen, begün­sti­gen rechte Denk­for­men. All das lässt sich schw­er bebildern und geht im bomber­jack­en­tra­gen­den Skin­head nicht auf. In dessen Fig­ur wer­den alle sozialen und poli­tis­chen Zusam­men­hänge aus­geklam­mert, sie ist ein mythis­ches Bild.

Die bish­eri­gen Aus­führun­gen verdeut­lichen, warum sich wed­er wirk­lich mit den Opfern/Diskriminierten von Recht­sex­trem­is­mus beschäftigt wird, noch mit den Alter­na­tiv­en zum Recht­sex­trem­is­mus und auch nicht wirk­lich mit den Recht­sex­tremen sel­ber, da es sich bei ihnen, Main­stream-Logiken fol­gend, nur um eine kleine Min­der­heit han­delt, mit denen man* nichts zu tun hat und die an einem als ‚extrem­istisch‘ kon­stru­ierten Rand vor sich hin­tüm­peln. Dies erk­lärt sowohl den Täter_innenfokus als auch die eingeschränk­ten Bilder­wel­ten. Gän­zlich aus dem Blick ger­at­en zudem staatlich­es wie insti­tu­tionelles Handeln.

Fort­set­zung am Fol­ge­tag, den Gesam­tar­tikel gibt es mit­tler­weile hier: Behar­rliche Bilder — Bild­sprache und Neon­azis­mus-/Recht­sex­trem­is­mus­präven­tion.

*Andreas Hech­ler wün­scht sich eine andere Bild­poli­tik im Kampf gegen Neon­azis­mus. Er ist wis­senschaftlich­er Mitar­beit­er und Bil­dungsref­er­ent bei Dis­sens — Insti­tut für Bil­dung und Forschung und Co-Her­aus­ge­ber des Sam­mel­bands ‚Geschlechter­reflek­tierte Päd­a­gogik gegenRechts.

Der Artikel ist eine gekürzte und über­ar­beit­ete Fas­sung des gle­ich­nami­gen Artikels aus dem Sam­mel­band Geschlechter­reflek­tierte Päd­a­gogik gegen Rechts.

Lit­er­atur:
— Amadeu Anto­nio Stiftung (2014): Recht­sex­treme Frauen – überse­hen und unter­schätzt. Berlin: Eigendruck.
— Blome, Mathis/Manthe, Bar­bara [Hrsg.innen] (2014): Zum Erfolg ver­dammt. Bun­de­spro­gramme gegen Recht­sex­trem­is­mus. Düs­sel­dorf: Eigendruck.
— Bode­mann, Y. Michal (1996): Gedächt­nisthe­ater. Die jüdis­che Gemein­schaft und ihre deutsche Erfind­ung. Ham­burg: Rot­buch Verlag.
— Burschel, Friedrich/Schubert, Uwe/Wiegel, Gerd [Hrsg.] (2013): Der Som­mer ist vor­bei … Vom „Auf­s­tand der Anständi­gen“ zur „Extrem­is­mus-Klausel“: Beiträge zu 13 Jahren „Bun­de­spro­gramme gegen Rechts“. Mün­ster: Edi­tion Assemblage.
— Ensinger, Tami/Kaletsch, Christa (2013): Die Bedeu­tung der Opfer­per­spek­tive für die Beratungsar­beit. In: beratungsNet­zw­erk Hes­sen – Mobile Inter­ven­tion gegen Recht­sex­trem­is­mus: Ein­blicke in die Prax­is. Wies­baden: Eigen­druck. S. 29‒32.
— Feustel, Susanne (2014): Von der „Glatzenpflege auf Staatskosten“ zur Deradikalisierung als Konzept? In: Kul­tur­büro Sach­sen [Hrsg.]: Poli­tis­che Jugen­dar­beit vom Kopf auf die Füße. Dres­den: Eigen­druck. S. 67‒79.
— Lau­mann, Vivien (2014): Die Bedeu­tung von Geschlecht in den Bun­de­spro­gram­men gegen Recht­sex­trem­is­mus. In: Blome/Manthe [Hrsg.innen]: Zum Erfolg ver­dammt. Düs­sel­dorf: Eigen­druck. S. 57‒60.
— Mobile Beratung gegen Recht­sex­trem­is­mus in Berlin/Verein für Demokratis­che Kul­tur in Berlin e.V. [Hrsg.innen] (2006): Inte­gri­erte Hand­lungsstrate­gien zur Recht­sex­trem­is­mus­präven­tion und ‑inter­ven­tion bei Jugendlichen. Hin­ter­grund­wis­sen und Empfehlun­gen für Jugen­dar­beit, Kom­mu­nalpoli­tik und Ver­wal­tung. Berlin: Eigendruck.
— Pörk­sen, Uwe (1997): Welt­markt der Bilder. Eine Philoso­phie der Visio­type. Stuttgart: Klett-Cot­ta Verlag.
Rad­van, Heike/Stegmann, Julia (2013): Doku­men­tar- und Spielfilme zum The­ma Recht­sex­trem­is­mus. Päd­a­gogis­che Über­legun­gen. In: Amadeu Anto­nio Stiftung [Hrsg.in]: „Film ab! – Gegen Nazis“. Berlin: Eigen­druck. S. 8‒16.
— Rom­melspach­er, Bir­git (1994): Schuld­los – Schuldig? Wie sich junge Frauen mit Anti­semitismus auseinan­der­set­zen. Ham­burg: Konkret Lit­er­atur Verlag.
— Stützel, Kevin (2013): Männlich, gewalt­bere­it und desin­te­gri­ert. In: Amadeu Anto­nio Stiftung/Radvan, Heike [Hrsg.innen]: Gen­der und Recht­sex­trem­is­mus­präven­tion. Berlin: Metropol Ver­lag. S. 211‒229.