Hans-Henning Scharsach: Fakten zu Norbert Hofer (Teil 2)

Im Folgenden der zweite Teil von Fakten zu Norbert Hofer von Hans-Henning Scharsach:

3.) Antisemitismus in den Burschenschaften:
Der Arier-Paragraph ist für alle Burschenschaften immer noch verbindlich, auch wenn er durch den weniger belasteten Begriff „Abstammungsprinzip“ ersetzt wurde. Dieser meint das gleiche und hat die gleiche Wirkung: Die Diskriminierung bzw. den gesellschaftlichen Ausschluss von Juden und „Andersrassigen“, denen die Mitgliedschaft in Burschenschaften verwehrt bleibt. (15) Norbert Hofers Marko Germania zu Pinkafeld steht in einer bis 1817 (Gründungsveranstaltung Wartburgfest) zurückreichenden Tradition.

  • Dass der gewaltbereite Antisemitismus von Anfang an zu den hervorstechenden Wesensmerkmalen der deutschnationalen Burschenschaften zählte, ergibt sich aus deren Geschichte. Schon auf dem Wartburg-Fest, der legendären Gründungsveranstaltung von 1817, wurde eine Hetzschrift des Heidelberger Professors Jacob Friedrich Fries verlesen, in der dieser die „Endlösung“ vorwegnahm, indem er forderte, die „Kaste“ der Juden „mit Stumpf und Stiel“ auszurotten. (16)
  • Im Jahr 1987 schlug der Dachverband „Deutsche Burschenschaft in Österreich“ (DBÖ) Rudolf Heß für den Friedensnobelpreis vor. Dass ein so blasser Politiker wie Hitlers Stellvertreter zu der großen Nazi-Ikone der Nachkriegszeit hat aufsteigen können, hängt mit seinem Schlusswort vor dem Nürnberger Tribunal zusammen. Während alle anderen Beklagten Ausrede an Ausrede reihten, stand er zu seinen Taten: „Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln, wie ich gehandelt habe, selbst wenn ich wüsste, dass am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod bereit stünde.“ (17) Dieses bedingungslose Bekenntnis zur Fortsetzung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik von Juden und „Andersrassigen“, hat ihn zum Vorbild von Burschenschaften und Neonazis gemacht – und diesen Mann haben die Burschenschaften für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
  • Antisemitische Agitation ist fester Bestandteil burschenschaftlicher Veröffentlichungen geblieben. Da ist vom Kampf „gegen die Einflüsse des Judentums auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet“ die Rede (18), da wird vor der „biologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gefahr“ des Judentums gewarnt. Das Judentum wäre gut beraten, wenn es sich „auf seinen Nationalstaat zurückzöge“ und die „Rachegedanken aufgäbe“. (19) Noch in den sechziger Jahren rühmten sich Verbindungen, „die jüdischen Elemente entfernt“ zu haben oder „seit 1882 judenrein“ zu sein. (20)
  • Die Innsbrucker Suevia hat schon in den sechziger Jahren klar gestellt, was heute immer noch gilt: dass es „für die Deutsche Burschenschaft in Österreich unmöglich ist, Nichtdeutsche aufzunehmen“ und dass „somit auch der Jude in der Burschenschaft keinen Platz hat“. (21)
  • In „Pauk-Comments“ der pennalen Waffenstudenten finden sich Sätze wie dieser: „Genugtuungsfähig auf Schläger ist jeder ehrenhafte arische Mann“. (22)
  • 2007 bedauerte der liberale Burschenschafter Harald Seewann, dass Burschenschafter sich heute noch auf die Waidhofener Beschlüsse berufen, in denen es heißt: „In Anbetracht der vielen Beweise, die der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben, und da er überhaupt der Ehre völlig bar ist“, könnten Juden in Burschenschaften „keinen Platz“ haben. (23)
  • Als im Sommer 2011 gemäßigte deutsche Burschenschafter den Antrag stellten, die Aufnahme nicht von der deutschen Abstammung sondern von „Staatsbürgerschaft und Bekenntnis“ abhängig zu machen, beteiligten sich 14 österreichische Burschenschaften an einer Protestresolution, in der es hieß, mit diesem „Verrat“ würde sich die Burschenschaft ihrem inneren Wesen nach selbst aufgeben“. Der Antrag wurde zurückgezogen, der Arier-Paragraph war gerettet. (24)
  • Bestandteil des burschenschaftlichen Antisemitismus ist auch die Tatsache, dass selbst die schlimmsten Verbrecher der NS-Geschichte wie u. a. Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, oder Irmfried Eberl, Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, die an der Ausrottungspolitik von Juden in führenden Positionen beteiligt waren, von ihren Verbindungen nicht ausgeschlossen wurden. Im Gegenteil: Beim alljährlichen Totengedenken werden sie, wie alle anderen Verstorbenen, für ihre „besonderen Verdienste“ geehrt.
  • Seit Jahren bemüht sich Strache um jenen Feindbild-Austausch, der anderen rechtspopulistischen Parteien schon gelungen ist. Seine Versuche, den verfemten Antisemitismus gegen den populären Anti-Islamismus auszutauschen, stießen auf erbitterten Widerstand von Burschenschaftern, die sich ihren traditionellen Antisemitismus nicht nehmen lassen wollten. Ende 2010 fuhr er nach Israel, um sich dort als Verbündeter im Kampf gegen den islamischen Terror zu positionieren und den Judenstaat als „Bollwerk Europas gegen den Islam“ zu positionieren. (25)

    Dem zu erwartenden Aufstand der Burschenschaften begegnete er auf eine für ihn typische Weise: Beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wählte er als Kopfbedeckung die Burschenschafter-Kappe, das Gemeinschaftssymbol jener deutschnationalen, „judenreinen“ Studentenverbindungen, die sich aus den Traditionen des Nationalsozialismus nie gelöst und nicht einmal die schlimmsten Nazi-Verbrecher aus ihren Mitgliederlisten gestrichen haben. Österreichs Burschenschafter durften sich klammheimlich auf die Schenkel schlagen: Eine vergleichbare Geste der Verhöhnung von sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden hat sich kein westlicher Politiker je öffentlich geleistet.

    Strache mit Biertonne der Burschenschafter in Yad Vashem

    Strache mit Biertonne der Burschenschafter in Yad Vashem

    Auf dem Sprung zur Macht haben Burschenschafter mittlerweile gelernt, das Werben um jüdische Wähler und die Selbstdarstellung führender Politiker aus ihren Reihen als „Judenfreunde“ zu tolerieren. Hofers und Straches gemeinsamer Auftritt mit ehemaligen israelischen Politikern und Gerüchte, „zahlreiche Juden“ hätten beim ersten Wahlgang Hofer gewählt, wurde von Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbiner-Konferenz, mit dem Satz kommentiert: „Als Gott die Intelligenz verteilte, hat sich nicht jeder angestellt.“ (27)

    4. Die vielen Lügen um das Nazi-Symbol der Kornblume.
    Beleg für den Antisemitismus von Burschenschaften und FPÖ ist auch das Tragen der Kornblume bei besonderen Anlässen wie konstituierenden Sitzungen von Nationalrat oder Landtagen.

    Nach den unendlichen Lügengeschichten der FPÖ – von der Fiktion der „blauen Blume der Romantik“ (Novalis, eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, hat diese nie als Kornblume bezeichnet) über das allen historischen Erkenntnissen widersprechende Symbol der „Freiheitsbewegung von 1848“ bis zur burschenschaftlichen Erfindung der „Europablume“ – war es ausgerechnet Norbert Hofer, der mit der Wahrheit herausrückte – allerdings in einer Form, die nur historisch Informierten die Einordnung erlaubte. Nachdem er ursprünglich – vielleicht sogar in gutem Glauben – den Unsinn von der „Europablume“ nachgeplappert hatte, rückte er im Präsidentschaftswahlkampf unter dem Druck von Journalistenfragen doch mit der Wahrheit heraus: Die Kornblume war seit Beginn des 19. Jahrhunderts Symbol des „Dritten Lagers“.

    Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Für die Parteien des Dritten Lagers – vor allem für die „Alldeutschen“ des rabiaten Antisemiten und Burschenschafters (Libertas) Georg Ritter von Schönerer, die die Kornblume im Parteilogo trugen, war diese vor allem Symbol ihres im Parteiprogramm festgeschriebenen Judenhasses. Als „Erfinder“ des „Rassen-Antisemitismus“ wurde Schönerer zum „geistigen Vater“ von Adolf Hitler (28), wozu sich dieser in „Mein Kampf“ ausdrücklich bekannte. (29)

    Schönerer ließ sich als „Führer“ anreden und mit „Heil“ grüßen. (30) Im Programm seiner Alldeutschen findet sich das „Gebot der Abwehr gegen den „Fremdkörper Judentum“. (31) Schönerer wollte die deutsche Kunst aus der „Verjudung“ befreien, forderte die Entfernung von Juden aus Staatsdienst, Schulen, Universitäten, Vereinen und Zeitungen. Er rief zur „Ausrottung parasitärer Rassen“ auf, „wie man Giftschlangen und gefährliche Raubtiere eben ausrotten muss.“ (32) 1900 verlangten die Alldeutschen im Wiener Parlament, eine Prämie für jeden „niedergemachten Juden“ auszusetzen. (33) Im Parlament, formulierte Schönerer Sätze wie diese: „Was von unseren Gegnern als Judenhass bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit Vaterlandsliebe.“ Oder: „Der Kampf gegen das Judentum ist des Deutschen erste Pflicht.“ (34)

    Dass er das ernst meinte, zeigt der Überfall auf das „Neue Wiener Tagblatt“. An der Spitze von 28 Gleichgesinnten war Schönerer in die Redaktion des „Judenblattes“ eingedrungen, hatte Redakteure bedroht und geschlagen, was Historiker als „ersten Akt des rechten Terrors“ bezeichneten. (35)

    Die Kornblume des Parteiabzeichens von Schönerers Alldeutschen wurde als Symbol des Judenhasses von Studenten am Revers getragen. (36) In der Verbotszeit (1933 – 1938) war die Kornblume Erkennungszeichen der illegalen Nazis. Sie ersetzte NS-Symbole, deren Tragen unter Strafe stand – wie etwa das Hakenkreuz.


    Kornblume im Abzeichen des „Alldeutschen Vereins „Schönerer““

    Schon mehrfach hat das Tragen der Kornblume politische Skandale ausgelöst. Österreichs ehemaliger Innenminister Oskar Helmer (1945 – 1959) ließ den steirischen Landesverband des VdU wegen des Tragens von Kornblumen und Nazi-Outfit zwangsweise auflösen, weil darin „NS-Symbole zu erkennen sind.“ (37)

    Eine Beschwerde der FPÖ an die Rundfunkkommission wegen Verletzung des Objektivitätsgebots wurde vom Verfassungsgerichtshof zurückgewiesen. In der Begründung hieß es unter Berufung auf das Gutachten eines Universitätsprofessors für Zeitgeschichte, die Kornblume sei ein „Ersatzzeichen für verbotene Symbole der NSDAP“ gewesen. Die Meldung des ORF, die Kornblume sei vor dem Zweiten Weltkrieg ein „Geheimsymbol der illegalen Nationalsozialisten“ gewesen, sei als „überprüfbare Tatsachenbehauptung“ zulässig. (38)

    Nicht nur in der Zwischenkriegszeit war die Kornblume Erkennungszeichen illegaler Nazis. Sie ist es bis heute geblieben. Bei Veranstaltungen der neonazistischen AfP wird sie von Besuchern getragen. Der „Bund freier Jugend“, die neonazistische Nachwuchsorganisation der AfP, führt sie im Vereinsabzeichen.

    Die Tatsache, dass all die verbalen Verrenkungen, mit denen Freiheitliche das Tragen der Kornblume zu erklären versuchen, von Wissenschaftlern eindeutig als Lügen oder Ausreden klassifiziert werden, lässt für Demokraten eigentlich nur einen Schluss zu: Sie ist für Burschenschafter und FPÖ-Funktionsträger Symbol für Schönerers gewalttätigen Antisemitismus und gleichzeitig Bekenntnis zur Tradition des illegalen Nationalsozialismus geblieben.
    Als Symbol von Schönerers Alldeutschen markiert die Kornblume den Beginn des Weges, der im fabriksmäßig organisierten Massenmord in den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus endete. Das Tragen der Kornblume bei offiziellen Anlässen ist eine offene Verhöhnung der Opfer des NS-Terrors. Ein Bundespräsident, dessen Fotos mit diesem Nazi-Symbol um alle Welt gingen, wäre eine Schande für dieses Land.

    Screenshots von der Parlamentshomepage, wo sich die Abgeordneten zum Nationalrat Johannes Hübner und Petra Steger mit Kornblume präsentieren - Bildquelle: Österreichisches Parlament

    Screenshots von der Parlamentshomepage, wo sich die Abgeordneten zum Nationalrat Johannes Hübner und Petra Steger mit Kornblume präsentieren – Bildquelle: Österreichisches Parlament (1/2)

    Aber nicht die einzige: Dass diese neonazistische Provokation von Politikern der demokratischen Mitte nicht erkannt wurde und das Tragen der Kornblume sogar bei der Angelobung des Nationalrats möglich war, ist nicht nur eine Blamage, es ist ein Verrat an unserer Verfassung, die Österreich dazu verpflichtet, „alle Spuren des Nationalsozialismus“ aus Gesellschaft und Politik zu tilgen.

    Teil I erschein gestern (siehe hier), Teil III wird in den nächsten Tagen folgen.

    Belege:
    (15) u. a. Andreas Peham „Durch Reinheit zur Einheit“, unveröffentlichtes Manuskript im DÖW.
    (16) Monika Richarz, 1974: Der Eintritt der Juden in die akademischen Berufe.
    (17) Wolf Rüdiger Heß 1998: Rudolf Heß: „Ich bereue nichts“.
    (18) Österreichischer Hochschulführer 1965.
    (19) Otto Mühlwert, 100 Jahre Teutonia, 1968.
    (20) Österreichischer Hochschulführer 1965.
    (21) Michael Gehler 1995: Rechtskonservativismus, Rechtsextremismus und Neonazismus in österreichischen Studentenverbindungen nach 1945.
    (22) Kartell-Chargen-Konvent des MKV (Hrsg.) 1963/64: Die schlagenden Mittelschulverbindungen Österreichs.
    (23) Harald Seewann 2007: Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung.
    (24) Andreas Peham „Durch Reinheit zur Einheit“.
    (25) Spiegel online, 31. 7. 2011.
    (26) Der Standard, 23. 12. 2010.
    (27) Der Standard, 31. 5. 2016.
    (28) Hanna Ahrendt 1955: Elemente und Ursprünge totaler Herschaft“.
    (29) Adolf Hitler 1924, Mein Kampf, wörtlich: „Da wurden durch Kornblumen und schwarzrotgoldene Farben Gesinnung betont und statt des Kaiserliedes ,Deutschland über alles‘ gesungen“.
    (30) Wolfgang Zdral 2008: Die Hitlers. Die unb3ekannte Familie des Führers. Siehe auch Brigitte Hamann 1996, Hitlers Wien, Lehrjahre eines Diktators.
    (31) Andrew G. Whiteside 1981: Georg Ritter von Schönerer. Alldeutschland und sein Prophet.
    (32) Brigitte Hamann 1996, Hitlers Wien, Lehrjahre eines Diktators.
    (33) Rainer Opitz 1996: Faschismus und Neofaschismus.
    (34) Whiteside 1981.
    (35) Michael Wladika 2005: Hitlers Vätergeneration. Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k. u. k. Monarchie.
    (36) Friedrich Polleroß 1996: Die Erinnerung tut zu weh. Jüdisches Leben und Antisemitismus im Waldviertel.
    (37) Brigitte Bailer, Wolfgang Neugebauer 1997: Haider und die Freiheitlichen in Österreich; Jürgen Klatzer, Kurier, 12. 5. 2016.
    (38) Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes, 16. 6. 1997, Geschäftszahl B2211/96.