NOWKR-Proteste 2014: “Some minor incidents of violence” (BBC)

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Schau­fens­ter gin­gen zu Bruch, Blu­men­töp­fe wur­den umge­schmis­sen, Mis­tei­mer wur­den – ent­ge­gen deren Bestim­mungs­zweck – her­um­ge­rollt. Dabei ver­lo­ren sie ihr kost­ba­res Gut. Dafür nun die media­le Auf­re­gung wegen des berühmt berüch­tig­ten “Schwar­zen Blocks”? Oder gab es da noch etwas ande­res?

Eskalation

Ja, es gab noch etwas ande­res: Im Vor­feld der Pro­tes­te kam es zu einer mas­si­ven Eska­la­ti­on sei­tens der Poli­zei. Die Kund­ge­bung des „Jetzt Zei­chen setzen”-Bündnisses wur­de unter­sagt und das, obwohl der Wie­ner Poli­zei­prä­si­dent letz­tes Jahr bestä­tig­te, dass die Kund­ge­bung fried­lich und ohne Pro­ble­me ver­lau­fen ist (wie die ande­ren Demons­tra­tio­nen auch). Kund­ge­bun­gen, die die FPÖ im Vor­jahr ange­mel­det hat­te, wur­den aus Sicher­heits­be­den­ken unter­sagt. Die­ses Jahr hat die Poli­zei die Sicher­heits­be­den­ken nicht nur über Bord gewor­fen, sie woll­te die Kund­ge­bung des „Jetzt Zei­chen setzen”-Bündnis neben der FPÖ-Kund­ge­bung am Maria-The­re­si­en-Platz pla­zie­ren. Das konn­te und woll­te das Bünd­nis (auch) aus Sicher­heits­be­den­ken rich­ti­ger­wei­se nicht akzep­tie­ren. Das Resul­tat: Die FPÖ ver­zich­te­te auf ihre Kund­ge­bung – die Poli­zei­füh­rung soll­te sich beim nächs­ten Mal gut über­le­gen, ob sie sich von der FPÖ noch ein­mal so an der Nase her­um­füh­ren lässt… 


Bild­quel­le: cineclub.de
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Ausnahmezustand

Aber die Poli­zei eska­lier­te wei­ter. Sie ver­häng­te für die Bezir­ke 1 bis 9 ein Ver­mum­mungs­ver­bot. Gegen­stän­de, die geeig­net sind Gesichts­zü­ge zu ver­ber­gen, konn­ten von der Poli­zei beschlag­nahmt wer­den und die Poli­zei konn­te eine hohe Geld­stra­fe bzw. eine Frei­heits­stra­fe ver­hän­gen. Wer also an die­sem schö­nen Win­ter­abend am Pra­ter­stern mit Schal spa­zie­ren ging, geriet in Gefahr poli­zei­lich behan­delt zu wer­den. Laut dem Ver­fas­sungs­ju­ris­ten Bernd-Chris­ti­an Funk ist ein sol­ches rigo­ro­ses Ver­mum­mungs­ver­bot „unver­hält­nis­mä­ßig”.

Das ging der Poli­zei aber noch nicht weit genug, sie mach­te in der Innen­stadt ein Gebiet so groß wie die Stadt Eisen­stadt zum Sperr­ge­biet. Das Gebiet war grö­ßer als beim Besuch des dama­li­gen US-Prä­si­den­ten Geor­ge Bush. Offen­bar sind Rechts­extre­mis­tIn­nen wie Kevin Gareth Hau­er, Bur­schen­schaf­ter der Bon­ner Rac­zeks, die sich inner­halb der Deut­schen Bur­schen­schaf­ten für die Rein­heit des “deuzt­schen Stam­mes” ein­set­zen, schüt­zens­wer­ter als der US-Präsident.

Aber auch das reich­te der Wie­ner Poli­zei­füh­rung noch immer nicht. Sie ver­häng­te ein Platz­ver­bot auch für Jour­na­lis­tIn­nen. Nur inner­halb einer Drei­vier­tel­stun­de durf­ten Jour­na­lis­tIn­nen in Poli­zei­be­glei­tung in die Sperr­zo­ne und – unter Auf­sicht eines Poli­zei­spre­chers! — dar­aus berich­ten. Als “Nord­ko­rea­ni­sche Zustän­de” kri­ti­sier­te das der Prä­si­dent der Jour­na­lis­ten­ge­werk­schaft, Franz C. Bau­er. ORF, Puls 4 und Der­Stan­dard wehr­ten sich ver­geb­lich gegen die­se Pres­se­zen­sur der Behörden. 

Maria Ster­kl, Der­Stan­dard-Jour­na­lis­tin, for­der­te in einem Kom­men­tar, „dass Wiens Bevöl­ke­rung erfährt, welch außer­or­dent­lich gro­ße Gefahr ihr am Frei­tag droht. […] Wenn es die Exe­ku­ti­ve für nötig erach­tet, die Rech­te der Men­schen, sich frei zu bewe­gen, sich frei zu ver­sam­meln und freie Medi­en­be­richt­erstat­tung zu genie­ßen, ein­zu­schrän­ken, dann aber bit­te mit einer aus­führ­li­chen Erklä­rung, wel­chem Zweck das alles die­nen soll.”

Massive Polizeigewalt

Die Info­zen­tra­le des OGR-Bünd­nis ver­mel­de­te bereits um 21 Uhr: “Info­zen­tra­le wird zu Laza­rett”. Fünf Ret­tungs­wä­gen und zwei Kata­stro­phen­zü­ge der Wie­ner Ret­tung muss­ten die Opfer von Poli­zei­ge­walt ver­sor­gen. Selbst der Chef der Wie­ner Ret­tung fand sich in der Info­zen­tra­le ein. „Es kam zum Ein­satz von Trä­nen­gas, Pfef­fer­spray und Schlag­stö­cken. Vie­le Demonstrant_innen warem schlimm zuge­rich­tet. Die­se exzes­si­ve Poli­zei­ge­walt ist ein Skan­dal”, zeigt sich die OGR-Akti­vis­tin Rosa L. ent­setzt. Eine ande­re Akti­vis­tin, Cla­ra Z., berich­te­te: “Die Per­so­nen sahen sehr schlimm zuge­rich­tet aus, es bedurf­te eines sehr lan­gen Ret­tungs­ein­sat­zes, um alle zu ver­sor­gen. Eini­ge Leu­te muss­ten geführt wer­den, weil sie auf Grund des Pfef­fer­sprays die Augen nicht mehr öff­nen konn­ten. Ande­re hat­ten hef­ti­ge Platz­wun­den. Wir sind sehr scho­ckiert und dan­ken der Wie­ner Berufs­ret­tung für ihren schnel­len Einsatz.”

Das NOW­KR-Bünd­nis berich­te eben­falls von dut­zen­den Ver­letz­ten, dabei gab es nicht nur blaue Fle­cken und Fol­gen von Trä­nen­gas, son­dern eini­ge Kno­chen­brü­che und Platz­wun­den durch exzes­si­ve Schlag­stock­ein­sät­ze. Dar­un­ter auch ein Der­Stan­dard-Jour­na­list. “Video­auf­nah­men bele­gen auch, dass Poli­zei­bus­se gezielt in Men­schen­grup­pen gefah­ren wur­den. Eine der­ar­ti­ge Bru­ta­li­tät sei­tens der Poli­zei ist durch nichts zu recht­fer­ti­gen”, zeigt sich Eli­sa­beth Lit­wak empört. „Doch damit nicht genug: Demonstrant_innen wur­den stun­den­lang bei Minus­tem­pe­ra­tu­ren in Poli­zei­kes­seln fest­ge­hal­ten”.


Poli­zei berei­te­te sich auf die Stür­mung der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te vor
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In der Nacht der Pro­tes­te wur­de die Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te von Poli­zei­ein­hei­ten umstellt. In der Aka­de­mie fand eine Lehr­ver­an­stal­tung und ein “Tag der offe­nen Tür” statt. Alle anwe­sen­den Stu­den­tIn­nen und Besu­che­rIn­nen des statt­fin­den­den Rund­gangs („Tag der offe­nen Tür” 23.01.2014 – 26.01.2014) gal­ten laut Aus­sa­ge des zustän­di­gen Behör­den­lei­ters als “ver­däch­tig”. Nur die Rek­to­rin der Aka­de­mie, Eva Blim­lin­ger, konn­te eine Erstür­mung gera­de noch ver­hin­dern. „Mehr als 100 Gäs­te wur­den fest­ge­hal­ten. Von allen Anwe­sen­den wur­den Per­so­na­li­en auf­ge­nom­men, etli­che von den Ein­satz­kräf­ten fest­ge­hal­ten und ver­letzt. Die zeit­li­che Nähe zu der zuvor statt­fin­den­den Kunst-Auk­ti­on zuguns­ten von Flücht­lin­gen lässt auf einen will­kür­li­chen Akt von Poli­zei­ge­walt schlie­ßen”, berich­tet oehakbild.info. Blim­lin­ger for­der­te den Rück­tritt der Ver­ant­wort­li­chen in der Polizeispitze.

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Chaotische Polizei

Bei wei­tem nicht alle Poli­zis­tIn­nen betei­lig­ten sich an die­ser Poli­zei­ge­walt. Ganz im Gegen­teil, die meis­ten Poli­zis­tIn­nen bei Absper­run­gen waren freund­lich bis des­in­ter­es­siert. Dort, wo es zu Poli­zei­ge­walt kam, war das durch die eska­la­ti­ve Stra­te­gie der Wie­ner Poli­zei­füh­rung ver­ur­sacht. So z.B. hin­ter dem Burg­thea­ter, wo die Poli­zei Demons­tran­tIn­nen ein­kes­seln woll­te und dabei selbst von die­sen “ein­ge­kes­selt” wur­de und dann in Panik ver­such­te, ihre Kol­le­gIn­nen (denen nichts geschah) zu befrei­en. Oder am Ste­phans­platz, wo die dafür aus­ge­bil­de­te WEGA see­len­ru­hig zusah, wie ihre meist jun­gen Kol­le­gIn­nen in Unter­zahl ver­such­ten die Demons­tra­ti­on aufzuhalten.

Dut­zen­de Poli­zei­wä­gen wur­den sinn­los von A nach B geschickt, dreh­ten dort um, fuh­ren zurück, nur um wie­der umzu­keh­ren. Die Sperr­zo­ne in der Baben­ber­ger­stra­ße war offen, man konn­te unter Auf­sicht der Poli­zei dar­in spa­zie­ren gehen. Taxis wur­den auf­ge­hal­ten, die Poli­zei schubs­te die Demons­tran­tIn­nen bei­sei­te, die Poli­zei wen­de­te sich ab, das nächs­te Taxi wur­de auf­ge­hal­ten – das Spiel begann von Neuem. 

Wel­chen Sinn das Gan­ze haben soll­te, das wird nicht ein­mal die Wie­ner Poli­zei­füh­rung wis­sen. Die Sperr­zo­ne war zu groß, um sie effek­tiv zu schüt­zen, die Poli­zis­tIn­nen heil­los über­for­dert — auf­grund des chao­ti­schen Ver­hal­tens ihrer Vor­ge­set­zen. Das ver­ur­sach­te Stress, Panik, Aggres­si­on. Haupt­schuld an dem repres­si­ven Ver­hal­ten, an der Poli­zei­ge­walt hat die Wie­ner Polizeiführung. 

Das Versagen der SPÖ

Die SPÖ, teil­neh­men­de Orga­ni­sa­ti­on im „Jetzt Zei­chen setzen”-Bündnis, distan­zier­te sich schon lan­ge im Vor­feld der Pro­tes­te anläss­lich des “Aka­de­mi­ker­balls” von die­sen erwart­ba­ren Pro­tes­ten (anders als die SPÖ-Vor­feld­or­ga­ni­sa­tio­nen wie VSSTÖ und SJ, die aktiv an den Pro­tes­ten teil­nah­men). Die SPÖ erlaub­te die Ver­wen­dung von „Jetzt Zei­chen set­zen” nur, wenn auf der Home­page klar her­vor­geht, dass der Auf­ruf für die NoW­KR-Pro­tes­te nicht von der SPÖ unter­stützt wird.

Der Ver­dacht liegt nahe, dass der SPÖ schon im Vor­feld die Eska­la­ti­ons­stra­te­gie der Wie­ner Poli­zei­füh­rung bekannt war und sie sich dar­auf ein­stell­te. Wer­ner Fay­mann per­sön­lich ver­kün­de­te, dass er gegen ein Ver­bot des “Aka­de­mi­ker­balls” in der Hof­burg ist. Die Fra­ge bleibt, was wäre gewe­sen, wenn die SPÖ an den Pro­tes­ten teil­ge­nom­men hät­te? Wäre es dem „Jetzt Zei­chen setzen”-Bündnis mög­lich gewe­sen, am Hel­den­platz zu pro­tes­tie­ren? Hät­te die Poli­zei eine dees­ka­lie­ren­de Stra­te­gie anwen­den müs­sen? Wäre es dann nicht zu den zahl­rei­chen Ver­let­zun­gen gekom­men, hät­ten dut­zen­de Ver­letz­te ver­hin­dert wer­den kön­nen, Kno­chen­brü­che, Platzwunden? 

Der Erfolg der Proteste

8.000 Demons­tran­tIn­nen lie­ßen sich von die­sem eska­la­ti­ven Ver­hal­ten der Poli­zei­füh­rung nicht ein­schüch­tern und pro­tes­tier­ten in meh­re­ren Pro­test­zü­gen laut­stark. Ner­vi­ge Böl­ler wur­den gewor­fen, dabei blieb es aber. „Trotz einer mas­si­ven Ein­schrän­kung bür­ger­li­cher Grund­rech­te durch die Poli­zei­füh­rung und einer Vor­ge­hens­wei­se, die von exzes­si­ver Gewalt­aus­übung geprägt wur­de, lie­ßen es sich tau­sen­de Aktivist_innen nicht neh­men, ihren Pro­test auf die Stra­ße zu tra­gen”, so NoW­KR-Spre­che­rin Eli­sa­beth Litwak.

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Dage­gen steht die immer klei­ner wer­den­de Gäs­te­zahl des Bur­schen­schaf­ter-Ball. Die­ses Jahr kamen gera­de­mal 400 Besu­che­rIn­nen. Für die FPÖ ist das ein finan­zi­el­ler Alp­traum und die­ser Alp­traum wird die nächs­ten Jah­re für die FPÖ wei­ter­ge­hen, wenn sie nicht auf die­sen Ball verzichtet. 

Medien

Was in der hei­mi­schen Pres­se­land­schaft für Auf­re­gung sorg­te, das war der BBC nur einen Bild­kom­men­tar wert: “Some minor inci­dents of vio­lence were repor­ted at the ral­lies”. Klei­ne­re Zwi­schen­fäl­le. “Gewalt” von Sei­ten eini­ger weni­ger Pro­tes­tie­ren­der kann und muss the­ma­ti­siert wer­den, nur ist die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zu beach­ten! Es kann und soll auch erwähnt wer­den, dass berich­tet wur­de, ein Poli­zist sei von einem Demons­tan­ten ange­grif­fen wor­den. Dann muss aber auch dazu gesagt wer­den, dass ande­re Demons­tan­tIn­nen den Poli­zis­ten zu Hil­fe eil­ten. Es gibt kei­ne Berich­te von Poli­zis­tIn­nen die zu Hil­fe eil­ten, als deren Kol­le­gIn­nen mit Schlag­stö­cken auf die Köp­fe von Demons­tran­tIn­nen einprügelte.

Die Bericht­erstat­tung bleibt frag­wür­dig. Blei­ben wir bei den Fak­ten: Schau­fens­ter gegen fünf Kran­ken­wä­gen und zwei Kata­stro­phen­zü­ge. Umge­wor­fe­ne Blu­men­töp­fe gegen zahl­rei­che Kno­chen­brü­che. Abmon­tier­te Mis­tei­mer gegen Poli­zei­bus­se, die in Men­schen­men­gen fah­ren. „Minor inci­dents of vio­lence” gegen ein außer Kraft set­zen bür­ger­li­cher Grundrechte.

Was war das?

Prob­te der Sicher­heits­ap­pa­rat für einen ima­gi­nä­ren staat­li­chen Not­stand? Das frag­te Rubi­na Möh­ring in einem Blog­bei­trag auf DerStandard.at: “Da wur­de, so wirkt es jeden­falls, der Schutz einer FPÖ-nahen Ver­an­stal­tung mit allem Pomp und Tra­ra zur Pro­be­büh­ne für einen natio­na­len Not­stand umfunk­tio­niert. Alle Regeln der Pres­se- und Infor­ma­ti­ons­frei­heit wur­den igno­riert. In wel­cher Welt leben wir hier? In der einer zuneh­men­den, demo­kra­tie­po­li­ti­schen Ver­un­si­che­rung?”

Wie ich den 24.01. erleb­te… Kom­men­tar von HoH-Grup­pen­spre­cher Man­fred Walter
sum­et­co­gi­to — Der Schwar­ze Block soll Staats­rä­son zei­gen – Minor inci­dents in Vienna
juedische.at — Wie­ner Poli­zei schützt rechts­ra­di­ka­len Ball