Ungarn: Anonymous, Verschwörer und Gehirnamputierte

6. March 2012

Auch das noch! Das Kollektiv von „Anonymous“ hat kurzfristig die Website des ungarischen Verfassungsgerichtshofs lahmgelegt und Teile der Präambel der umstrittenen ungarischen Verfassung umgeschrieben. Das wird die dünne Phantasie der rechten Verschwörungstheoretiker weiter anregen, die schon in den letzten Wochen in der Kritik an der Verfassung eine „Verschwörung der internationalen Linken“ (Viktor Orban) oder des Judentums gesehen haben. Im Zentrum der Kritik: Ulrike Lunacek, EU-Abgeordnete der Grünen.

„Wir verkünden, dass die Ideologien der Tyrannen, Herrscher, Diktatoren nur kurze Abschnitte der Geschichte sind, deren Tyrannei das Volk jederzeit beseitigen, gegen die es sich erheben kann“, war auf der Website des Verfassungsgerichtshofes zu lesen, bevor sie offline ging.

Schon Wochen zuvor war Ulrike Lunacek Objekt einer Schimpf- und Hassorgie des schwer antisemitischen Publizisten Zsolt Bayer gewesen. Zsolt Bayer, ein enger Vertrauter des ungarischen Regierungschefs Viktor Orban, ist auf Stopptdierechten bestens bekannt: der „Fäkal-Antisemit“ (Karl Pfeifer) hat schon die antisemitische Hetze gegen den EU-Parlamentarier Cohn-Bendit, den Pianisten Andras Schiff, den österreichischen Publizisten Karl Pfeifer und viele andere orchestriert. Dafür hat er auch einen Kulturpreis eingeheimst.

Ulrike Lunacek wurde von Zsolt Bayer als „gehirnamputierte, an Krätze leidende Idiotin“ beschimpft, weil sie es gewagt hatte, im Innenausschuss des EU-Parlaments auf antisemitische und EU-feindliche Tendenzen in Ungarn hinzuweisen. Ausgerechnet der „Fäkal-Antisemit“ Bayer bezeichnete die Behauptungen von Lunacek, die sich auf Transparente bei einer regierungsfreundlichen Demonstration bezogen, als „ganz gemeine Lüge“.

„Pusztaranger“, der unermüdliche Beobachter hat die unglaublich widerlichen Ausfälle von Bayer aus dem Ungarischen übersetzt:

„So etwas gab es nicht. Punkt. Und damit könnten wir eigentlich schon aufhören. (…) Nur kommt da so eine gehirnamputierte, an Krätze leidende Idiotin an, Ulrike Lunacek, und das ist noch viel zu fein ausgedrückt. (…) Das Ganze ist eine stinkende Hurenlüge aus dem Mund einer gemeinen Sau (wörtlich: verfaultem Dreck)“.

Den Part, auf die sexuelle Orientierung auch noch anzuspielen, übernahm dann die Zeitung „Magyar Hirlap“, in der Bayer als Kommentator tätig ist. Ein Foto von Ulrike Lunacek wurde untertitelt mit dem Satz: „Die offen “andere” Ulrike Lunacek betätigte sich nicht zum ersten Mal als Sprachrohr der ungarischen Linksliberalen.”

Auch die EU-Kommissarin Neelie Kroes wurde von Bayer beflegelt:“ Da sitzt Neelie Kroes, diese bemitleidenswerte Idiotin, und denkt, dass sie sich das erlauben kann“.

Ulrike Lunacek reagierte mit einer Beschwerde an Echo-TV, den Sender, der die Schimpf- und Hassorgie Bayers ausgestrahlt hatte.

Als dann der österreichische EU-Abgeordnete Hannes Swoboda, Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten, die Hassorgie Bayers kritisierte, bekam er von der Pressesprecherin der Regierungspartei Fidesz eine drübergezogen. Swoboda wolle offensichtlich „den ungarischen Journalisten vorschreiben, was sie schreiben dürfen und was nicht über die mit europäischen Steuergeldern bezahlten EU-Beamten und EU-Abgeordneten“.

Der ungarische EU-Abgeordnete (Fidesz) György Schöpflin reagierte auf Ulrike Lunacek mit einer arroganten Mail an sie, in der er ihr gönnerhaft zugestand, dass sie zwar die Beschimpfungen als empörend und schockierend bezeichnen könne, aber gleichzeitig darauf hinwies, dass dies sehr subjektive Begriffsbestimmungen seien. Schöpflin „empfahl“ Lunacek in der Folge, sie möge doch ihren Vorwurf des Antisemitismus belegen, was bei ihren umfassenden Quellen in Ungarn doch kein Problem sein könne und wunderte sich dann, warum sich Lunacek ausgerechnet Ungarn als Ziel ihrer Angriffe auswähle.

Uns wundert das nicht mehr. War es knapp vor seinem unrühmlichen politischen Abgang noch Ernst Strasser, der sich gegen Vorverurteilungen der ungarischen Regierung aussprach, so ist es in den letzten Monaten immer häufiger die FPÖ, die an der ungarischen Regierung und Viktor Orban Gefallen findet. Die Absetzbewegung von Jobbik ist unverkennbar, die Jobbik-Gratulanten Hübner und Gudenus werden da sicher keine Schwierigkeiten haben mitzuziehen.